Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1865)
- Date
- 1865-12-26
- Page
- Seite 803 (sequence 3)
- Language
- German
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603 Reichstag werde denn doch nicht daran vergessen, was ihm sowohl das Gebot des Liberalismus wie das richtig aufgefaßte Interesse des Vaterlandes zur Pflicht macht." Es ist ein altes Wort, daß es keinen sichereren Gradmesser für die Freisinnigkeit eines Landes gebe als die Stellung der Juden in demselben. Die volle unbedingte Gleichstellung der Juden ist das natürliche Korollarium des Liberalismus. Aber der Verfasser will die praktische Seite der Frage hervorheben. „Ist die ungarische Nation" — so fragt er — „so reich und so groß an Volkszahl, daß es ihr so ganz gleichgiltig sein kann, 4—500,000 Staatsbürger zu gewinnen? Ich will nicht erwähnen, wie die ungarische Nation, von allen Seiten isolirt, in der Mitte von ^Nationalitäten, die ihre Existenz gefährden, dasieht; ich schweige davon, wie sehr es in ihrem Interesse ist, inmitten dieser polyglotten Fragmente den Fortschritt, die Cultur zu repräsentiren, und so zu der Stärke der Zahl auch noch das Gewicht geistiger Suprematie zu fügen; ich lasse auch unerwähnt, daß es statistisch erwiesen, wie die Nation selber sich nicht vermehrt und daher nur so an Zahl wachsen kann, wenn sie, so zu sagen, außerhalb ihres eigenen Kreises Proselyten gewinnt, von all dem schweige ich; nur an jenes Wort des wahrhaft großen Sz6chenyi will ich erinnern: daß selbst dem Vatermörder verziehen werden müsse, so sehr habe die Nation jedes einzelnen Menschen nöthig. Mein Herr, diese 4—500,000 Menschen sind weder Vaternoch Muttermörder; die 4—500,000 Menschen könnten mit Leib und Seele diesem Vaterlande gewonnen werden; und wenn ich die hinreißende Feder Szechenyi's besäße, würde ich rufen: „Ein schlechter Sohn des Vaterlandes ist Derjenige, der das Thor nicht öffnen will, wenn eine halbe Million Menschen davor pochen!" „Der Verfasser berührt noch einige' etwaige Bedenken gegen die Emrncipation und Vorwürfe gegen die Israeliten. Falls auch die Vorwürfe gegründet wären — sagt er — so soll ja die Emancipation kein Prämium, kein Belohnung sein, und es seien seit 1848 hier und in Siebenbürgen Elemente in die Schanzen der Verfassung ausgenommen worden, die man nicht nach ihrer Sprache gefragt habe, und die nicht immer die freundlichste Gesinnung gegen die ungarische Nationalität genährt haben. Die Vorwürfe seien aber nicht einmal gegründet und verlieren täglich mehr an Gewicht. „Ich halte" — so schließt die Zuschrift — „diese meine Ansprache für angemessen, jetzt an der Schwelle jenes Reichstages, von dem wir überzeugt sind, daß er, ohne die Interessen des Vaterlandes zu verletzen, unser nicht vergessen darf. Ich glaube, daß auch die vaterländische Presse als Pionier des Liberalismus bald ihre Pflicht in dieser Beziehung thun wird, und daß sie, was sie bisher versäumte, nicht absichtlich versäumt hat. Ich setze noch immer mein Vertrauen in die Nation, und schließe mich nicht Denen an, die die Initiative von der Regierung erwarten." „Magyar Sajtö" bemerkt zu dieser Zuschrift, „daß die vom 1861er Landtage abgegebene (von uns in der Anmerk. 1 citirte) Erklärung jeden Zweifel in dieser Frage ausschließe, und daß der nächste Landtag seiner Pflicht in dieser Beziehung Nachkommen werde." Der „Pester Lloyd" begleitet diese Zuschrift mit folgenden Worten: Unter den Wahlprogrammen, welche den Standpunkt des modernen Fortschritts in der correktesten Weise einnehmen, giebt es nicht wenige, in welchen die Frage der Gleichstellung der Israeliten übergangen wird. Wir sind weit entfernt, daraus auf eine ungünstige Lösung dieser wichtigen Angelegenheit schließen zu wollen; wir sind vielmehr der Ueberzeugung, daß man aus dem Grunde einer speciellen Erwähnung dieser Frage aus dem Wege gegangen, weil sich die Absicht einer im Geiste des Fortschritts gelegenen Lösung derselben bei einem echt liberalen Programme von selbst versteht. Dessen ungeachtet sehen wir es mit wahrer Befriedigung, wenn in der liberalen ungarischen Presse die Diskussion dieser wichtigen Angelegenheit angeregt wird." „Zugleich behält die Redaction sich vor, auf 'diese Frage demnächst in einem selbständigen Aufsatze zurückzukommen." Die hierhergehörige Aeußerung des Baron Josef Eötvös in seinem „Politikai hetilap" („Politisches Wochenblatt"), die seinen consequenten Liberalismus in der Emancipationsfrage aufs Neue erhärtet, theilen wir in unserem Berichte über das Resultat der Deputirten- Wahlen mit, da jene Aeußerung zu denselben in engem Zusammenhänge steht. Für heute seien hier noch diejenigen Wahlkandidaten genannt, welche sich neuerdings ebenfalls für vollständige Gleichberechtigung aussprachen, und zwar Graf B6la Szöchenyi (spr. Sötschenji), Sohn des berühmten Grafen Stefan Szechenyi (in Eisenstadt), Baron SigmundPersnyi (spr.Persnji) in Nagy-Szöllös, Carl 52*