Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1865)
- Date
- 1865-12-26
- Page
- Seite 802 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226526--23581-3250899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
jetzt an, gerecht zu werden, und dies — wir bedauern, ' es aussprechen zu müssen — auch nur in Folge direkter Intervention jüdischerseits. Daß diese erst abgewartet wurde, ist, gelinde gesagt, sehr auffallend, doch wir wollen uns nicht zu bitteren Anschuldigungen Hinreißen lassen, besonders da wir unser volles Vertrauen in die „Väter des Landes" setzen, welche, wie nach ihren Kundgebungen mit fast vollkommener Bestimmtheit vorauszusetzen ist, unserer Sache, der Sache des Rechtes und der Civilisation, vor dem competenten Richterstuhle den Sieg verschaffen werden. Also das Schweigen ist endlich gebrochen worden, und wir wollen nun mittheilen, auf welche Weise dies geschah. Das magyarische Blatt: „Magyar Sajtö“ (Ungarische Presse) brachte vor Kurzem eine, die Frage der Judenemancipation behandelnde Zuschrift, als deren Verfasser die Redaction einen Mann bezeichnet, dessen unbestreitbarer Patriotismus, dessen hervorragende Intelligenz und dessen innige Vertrautheit mit den Interessen seiner Glaubensgenossen seinem Worte besonderes Gewicht verleihen. Hier folgt eine Analyse jener Zuschrift nach dem „Pester Lloyd": „Der Verfasser der Zuschrift weiß es wohl, welch wichtige, jede andere Angelegenheit in den Hintergrund drängende Lebensfragen von dem nächsten Reichstage ihre Lösung erwarten; aber er ist überzeugt, daß der Gang der Verhandlungen über jene allergrößte Frage genug langsam sein wird, um dem Reichstage Zeit zu lassen, sich inzwischen auch mit anderen untergeordneteren, aber darum doch genug wichtigen Fragen zu beschäftigen. „Es bestärkt mich — sagt er — in dieser Ansicht die Rede, welche Baron Kem6ny an seine Wähler gehalten, und in welcher er offen ausspricht, daß, während die Unterhandlungen über die staatsrechtlichen Fragen noch schweben werden, es eine Aufgabe der exmittirten Kommissionen sein wird, Vorschläge über anderartige Fragen auszuarbeiten. Unter diesen Fragen nun muß die Gleichberechtigung der Juden auch Platz finden. Der Reichstag würde die ihm von seinen Vorgängern übertragene Aufgabe nicht erfüllen, wenn er die Gewährung dieses gerechten Verlangens auch nur auf einem Augenblick hinausschieben wollte." „Mit dieser Ansicht versichert der Verfasser die Überzeugung der gesammten Iudenschaft des Landes auszusprechen. „1849 verwies man uns mit der Befriedigung unserer gerechten Forderung auf eine spätere Zeit. Der 1861er Reichstag, in welchem auch wir das Morgenroth einer besseren Zeit begrüßten, gab uns in seiner letzten Stunde wieder nur eine Anweisung auf spätere Zeit in die Hand. *) Diese Zeit ist nun da'; glauben Sie nicht, mein Herr, daß es genug des Wartens gewesen, und daß wir vollauf berechtigt sind zu dem Glauben, es habe endlich auch für uns die Stunde geschlagen?" Der Verfasser will indessen nicht leugnen, daß es unter seinen Glaubensgenossen doch auch manche Zweister und Schwarzseher giebt, die es wohl wissen, daß die Gleichstellung der Juden nur noch eine Frage der Zeit ist, die aber in der Tiefe ihrer Seele vor dem Gedanken zurückschrecken, wieder nur schöne Worte und eine leere Anweisung zu erhalten. „Diese Zweifler berufen sich auf die Fluth von Programmen in den letzten Wochen, die „von allen Dingen und noch einigen darüber sprechen", von denen aber kaum eines oder zwei die Gleichberechtigung der Juden berühren. ^) Sie weisen bekümmert auf die Wortkargheit der vaterländischen Journale hin, die doch für jede Wunde schon das Nöthige Heilmittel empfehlen, und nur von der Judenemancipationsfrage nichts zu wissenscheinen. Sie weisen endlich auf einzelne Aeußerungen hin, die es kategorisch erklären, der nächste Reichstag werde keine Zeit haben, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.1 2 3) Der Verfasser will sich durch diese Zweifler nicht irre machen lassen und bei seinem Glauben beharren, „der ungarische 1) In der letzten Sitzung des 1861er Repräsentantenhauses brachte nämlich Coloman v. Tißa einen dreifachen Antrag ein, dessen zweiter Theil lautete: „Das Repräsentantenhaus erklärt, daß es die Einführung der vollständigen bürgerlichen und politischen Rechtsgleichheit zwischen den verschiedenen Religionsconfessionen und die Ausdehnung derselben auf die Israeliten zu den ersten und wichtigsten Aufgaben eines zur Creirung neuer Gesetze befähigten Reichstages zählt",,— welcher Antrag einstimmig angenommen wurde. s (Corresp.) 2) Diese Zweifler werden doch wohl zugeben, man könne den vielen liberalen Männern, welche ui ihren Programmen für vollständige Gleichberechtigung aller Bewohner, aller Kinder des Landes ohne Unterschied des Glaubens plaidiren, nicht den perfiden Hintergedanken zuschreiben, daß sie die Juden nicht unter die „Bewohner" oder „Kinder" des Landes (obzwar dieselben bisher wirklich nur als Stiefkinder behandelt wurden) rechneten. (Corresp.) 3) Uns ist nur die in unserem vorigen Referate erwähnte diesbezügliche Aeußerung des Obergespans Jancovits bekannt. (Corresp.)