Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-12-12 · Heft 50 (12.12.1865) · p. Seite 777

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 50 (12.12.1865)
Date
1865-12-12
Page
Seite 777 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226524--23550-3250866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

sonen; die beständige jüdische Bevölkerung 25,520 M. und 25,856 F., im Ganzen 51,376 Köpfe, die fluctuirende 10,276 M. und 11,122 F., im Ganzen also 21,400 Individuen. Zusammen also 72,776, also ungefähr ein Drittel. Amerika. New-Uork, im November. (Privatmitth.) Es ist in d. Bl. bereits flüchtig mitgetheilt worden, daß die von Ihnen, Herr Redacteur, zuerst populär gemachte und stets warm befürwortete Idee jüdisch-theologischer Lehranstalten, nenne man sie Fakultäten oder Seminare, auch den Weg über den atlantischen Ocean zurückgelegt hat, und neuerdings am hiesigen Platze besprochen worden. Die hiesige Emanuel-Gemeinde hat sich nun der Sache thatkräftig angenommen, und in einer Generalversammlung, zu welcher, obschon eingeladen, sich nur wenige Mitglieder anderer Gemeinden einfanden, wurde die Gründung eines jüdischtheologischen Seminars beschlossen. Unter diesen Umständen war es fast selbstverständlich, daß die Emanuel-Gemeinde die neue Anstalt vorzugsweise als ihr Werk zu schaffen beschloß, der daher die Grundsätze dieser reformistischen Gemeinde einwohnen, und deren Vorsteher für alle Zeit der Mehrheit nach aus der genannten Gemeinde sein sollen. Auf diese Weise haben wir die Aussicht, daß die Anstalt wirklich ins Leben trete und eine bestimmte Gestaltung annehme. Man kann sich denken, daß nunmehr, nachdem die Beschlüsse gefaßt worden, vielfaches Geschrei dagegen erhoben wird, und man die. Gemeinde Emanuel und ihre Wortführer der Selbst- und' Parteisucht anschuldigt. Auch in Amerika ist der Riß zwischen Conservativen und Reformern allzu stark, und so sind es vorzüglich die Ersteren, welche ihr Verdammungsurtheil schon jetzt gegen die zu creirende Anstalt schleudern, während es ihnen doch sehr nahe lag, durch den Besuch der Versammlung, die Erhebung ihrer Stimmen in derselben und durch thatkräftige Mitwirkung die Leitung der Angelegenheit mit in ihre Hände zu nehmen. Sich aber von vornherein unthätig oder gar feindselig zu benehmen und hinterdrein zu verlangen, daß man ihnen die Sache in die Hände gebe, ist doch mehr als Einfalt. Wir können mit Vergnügen hervorheben, daß das hiesige Blatt „The hebrew Leader“, das durchaus nicht reformistisch ist, sondern einer Mittelpartei angehört, in einem sehr gut geschriebenen Artikel die Beschlüsse der Emanuel-Gemeinde nicht blos nach den Thatsachen, sondern auch theoretisch rechtfertigt. Es heißt darin.: „Wenn wir auch einen andern religiösen Standpunkt einnehmen, als diejenigen, welche diese Sache wach gerufen, so gilt für uns die Ausbeutung der Wissenschaft für das religiöse Leben als das Höchste, um dasselbe seinem wahren Zwecke zuzuführen, ja um kurz zu sein, sie gilt uns als Religion. Denn selbst wenn man, wie es in neuerer Zeit offen und ehrlich ausgesprochen wurde, den Studien schon von vornherein diejenige Richtung geben will, 'welche zur Ausbildung einer Umgestaltung des bisher befolgten jüdisch-religiösen Princips dienen soll, so läßt sich dennoch nicht das Studium in so enge Schranken bannen, daß dasselbe auf die durch das Wissen zu gewinnenden Ueberzeugungen ernster junger Männer, welche sich im Denken geübt, von dauerndem beschränkendem Einfluß sein könnte, eben so wenig, wie sich die heute noch lebenden Jünger der alten Talmudschulen, welchen man viel zu verdanken hat, indem von Diesen der Umschwung der Ideen ausging, von ascetischen Lehrern in ihren neuern logischen Begriffen haben beirren lassen. Die Wahrheit kömmt endlich doch durch die Facta der Wissenschaft zum Durchbruch, und wie der wohlthätige Regen die gewitterschwangere schwüle Luft reinigt, so auch reinigt die Wissenschaft die verschiedenen Systeme von ihren Jrrthümern; sie berichtigt bei dem einen die oft zu weit gehenden Ausschreitungen eines am Ende ganz formlos werdenden religiösen Lebens ohne Positivität, sowie bei dem andern das Stehenbleiben bei einem verknöcherten ausschließlichen Formendienst ohne Geist. Man wird sich endlich klär über die nothwendige praktische Anwendung derselben auf das religiöse Leben." Wie viel es hier noch zu thun giebt, kann man daraus ersehen, daß von den hiesigen zwanzig jüdischen Gemeinden erst eine, die Emanuel-Gemeinde, eine Religionsschule hatte. In den letzten Tagen hat auch die Gemeinde Ansche-Chesed durch ihren neuen Rabbiner Herrn Dr. Mielziener eine regelmäßige Religionsschule eröffnet, und wollen wir hoffen, daß diesem Beispiele bald andere folgen. 50

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.