Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1865)
- Date
- 1865-12-12
- Page
- Seite 774 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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' ".^?^ i > 774 von allem demagogischen Wesen weit entfernt. Es, war nichts als ein Prinzip ienkampf und darum hat diese außerordentliche Bewegung eine große.Bedeutung. Daß es hier und da an Ausschreitungen nicht gefehlt, daß es sogar zu einigen handgreiflichen Tätlichkeiten an der Börse kam, thut zur Sache nichts. Man fotm nebenbei bemerken, daß diese Bewegung auch nicht wenig gekostet hat und wohl an 800V Thaler durch Druckschriften, Cirkulaire, Inserate, Colporteure u. s. w. eonsumirt wurden. Aber von einer Anwendung niedriger Mittel, der Bestechung, der Pression u. dgl. hat man nichts gehört. Wir leben in der Hoffnung, daß die nun wieder vollzähligen Repräsentanz und Vorsteherkollegium den Sieg in loyalster Weise benutzen, in gerechtester Weise Vorgehen und beiderseitig die vorgesallenen Fehler vermeiden werden, damit ebenso sehr die angemessene Entwickelung und Neugestaltung wie der Friede und einträchtige Geist gewahrt werden. — Aus dem soeben erschienenen 22. Jahresberichte der Auerbach'schen jüdischen Mädchen-Waisen-Anstalt erfahren wir, daß gegenwärtig von derselben 16 Waisenmädchen erzogen werden, und daß die Anstalt ein Vermögen von mehr als 75,000 Thlr. besitzt, das zum großen Theil aus dem Quotum besteht, welches der Anstalt aus dem bekannten großen Legat des Lesser Joras zufiel. Die Anstalt will jetzt durch einen Neubau ihre Räumlichkeiten vergrößern, um die Zahl ihrer Zöglinge erhöhen zu können. Aus der Rheinprovinz, 22. Nov. (Privatmitth.) Am 9. November wurde in der Stadt Dülken ein in den Annalen der jüdischen Geschichte seltenes Fest begangen. Die christliche Bürgerschaft, die sich durch außergewöhnliche Cordialität gegen die kleine, aber biedere Synagogen-Gemeinde auszeichnet, feierte das 25 jährige Amtsjubiläum des jüdischen Vorstehers Hrn. Simon Harfs, eines Mannes, welcher sich durch seinen ehrenwerthen Charakter, durch Bürgertugend und Gemeinsinn die allgemeine Liebe und Achtung erworben hat. In dem Gesellschafts-Lokale „Eintracht" versammelten sich gegen hundert Personen, darunter die Spitzen der Behörden, die Vertreter der Industrie und Wissenschaft, um bei einem fröhlichen Mahle — woselbst den rituellen Vorschriften des Judenthums volle Rechnung getragen ward — dem Jubilar in Reden und Toasten ihre Glückwünsche und Theilnahme auszudrücken. Unter den geladenen Ehrengästen war auch der Rabbiner von Cöln, Hr. Fr. Schwarz, dessen herzliche Ansprache auf allseitiges Verlangen durch den Druck veröffentlicht werden mußte. Die heitere Stimmung erhöhte die Mittheilung des Herrn Bürgermeisters, daß Herr Harff, um auch seinerseits dem schönen Tage eine entsprechende Weihe zu verleihen, eine Summe von 500 Thlr. der höheren Bürgerschule schenkte, damit die Zinsen des Capitals, behufs eines jährlichen Stipendiums für einen armen Schüler, ohne Unterschied der Confession, zur Verwendung kommen. — Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 23. Nov. (Privatmith.) Gestatten Sie mir zunächst meinen Glaubensbrüdern im Gruße warm die Hand zu drücken. Sie haben sich wacker benommen und verdienen das Lob aller, denen Freiheit kein leerer Schall ist. — Der Nationalitätenschwindel hat bei uns in Oesterreich große Dimensionen angenommen und ist so weit gediehen, daß ein Smolka, der Präsident des constituirenden Reichsrathes in den Jahren 1848 und 1849, welcher wegen seiner liberalen Gesinnungen im Kerker schmachten mußte, für die Candidatur des Grafen Goluchowsky, des ehemaligen Staatsministers, der die rothe Reaction bezeichnet, eintrat. Genannter Graf dürfte unter dem jetzigen Ministerium zum Statthalter von Galizien ernannt werden und wurde daher seine Candidatur auch von Amtswegen unterstützt, und nichtsdestoweniger haben die Juden in Lemberg wie Ein Mann gegen den Statthalter in spe, dessen Animosität ihnen wohl viel Leid und Weh verursachen kann, gestimmt. Wohl hatte man den Versuch gemacht, eine Spaltung unter den Juden hervorzubringen und die sogenannten orthodoxen Juden für die Anschauung der Regierung und der Polen zu gewinnen; doch vergebens, die Juden hielten zusammen uud haben der Sache der Freiheit einen großen Dienst erwiesen. Sie sind unterlegen, doch giebt es Niederlagen, die viel rühmlicher sind, als manche Siege, und wahrlich die Sieger bei dem Wahlkampfe beneiden wir nicht. Es zeigte sich da wieder, was die hohltönenden Phrasen der polnischen Freiheitshelden zu bedeuten haben. Ihnen ist es darum zu thun, Ihre Nationalität hergestellt zu sehen und alle diejenigen, die sich nicht dazu bekennen, zu knechten. In solcher Weise versteht man bei nns gar oft die Nationalitätsrechte, das Recht nämlich, andere Nationalitäten zu bedrücken.