Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-12-12 · Heft 50 (12.12.1865) · p. Seite 773

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 50 (12.12.1865)
Date
1865-12-12
Page
Seite 773 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226473-3226524--23546-3250862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

773 Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, im November. (Privatmitth.) Es ist wieder eine Bresche in das jüdische Gemeindeleben geschossen worden, indem am 17. d. M. das neue „Gesetz über Civilstandsregister und Eheschließung" publicirt ist. Durch dasselbe hören, nebst allen Kirchenbüchern,, auch die speciell für und von Juden geführten Register von Neujahr 1866 an auf, und die Registratoren werden auf Lebenszeit für die cessirenden Emolumente nach Billigkeit aus der Staatskasse entschädigt. Was die Eheschließung anbelangt, so bleibt es (englisches System) den Parteien überlasten, sich blos bürgerlich, blos, von den Geistlichen der vom Staate anerkannten Religionsgemeinschaften, kirchlich, oder erst bürgerlich und dann kirchlich — aber nicht umgekehrt — copuliren zu lassen; das kirchliche Aufgebot hört aber durchgängig auf. Es wird nun eine schwierige Aufgabe für die Judengemeinden sein, sich ihre Einnahmen aus den Trauungen wenigstens theilweise zu erhalten, insbesondere bei solchen, die nach erfolgter Civiltrauung vorgenommen werden, wozu man bekanntlich jüdischerseits Jeden, der mit Documenten (Gittin) Bescheid' weiß, nehmen kann. — Es wird nun baldigst auch ein neues Gesetz über Ehehindernisse und Scheidungen folgen, da das bisher hier gültige, dem auch die Juden unterworfen sind, eigenlich nur das kirchlich-lutherische ist. Es versteht sich, daß es wie bisher den Juden unbenommen bleiben wird, nach gerichtlich ausgesprochener Scheidung, auch noch ihre alte Ceremonie vorzunehmen. Ob der neulich in dieser Zeitung genannte Hippolyte Rodrigues der alte Saint-Simonist Rodrigues (Olinde) ist? Mehres dort von ihm erwähnte hat eine famose Aehnlichkeit mit den Satzungen dieser Secte. Uebrigens ist es falsch, das Christenthum eine „Tochter der Bibel" (sogen, neues Test.) zu nennen, da das Umgekehrte der Fall ist, und ebenso den Islam, welcher, abgesehen von der monotheistischen Grundlehre, weit mehr von den rabbinischen und kabbalistischen Traditionen stammt, als von der Bibel direkt. Eine Schwierigkeit, die bisher die hiesigen jüdischen Armem verhinderte, sich bei 'der allgemeinen Armen- Anstalt einzeichnen zu lassen, ist jetzt beseitigt, indem diese die seit 1824 bestandene Verfügung aufhob, welche von jedem Eingezeichneten die schriftliche Verpflichtung verlangte, eintretenden Falls dem allgemeinen Armen- Begräbniß anheim zu fallen. Preußen. Bonn, 29.Nov. (Privatmitth.) In Wesel erscheint eine Reihe populärer Gesetzbücher des preußischen Staates, namentlich für die Rheinprovinz. Dieselbe wird officiös empfohlen, und die Subscription darauf von den Magistraten gefördert. Vor uns liegt die zweite Auflage eines Theils derselben, nämlich der „Gesinde- Ordnung der Rheinprovinz, herausgegeben von C. v. Oerthel, k. Polizeiverwalter," und wir finden daselbst S. 53, wo über das allzuhäufige Mißverhältniß zwischen Herrschaft und Gesinde die Rede ist, folgende Aeußerung: „Aber im Allgemeinen begegnet man dieser richtigeren Würdigung , des Dienstverhältnisses nur noch in den höheren Ständen und bei den Juden. Es läßt sich nicht leugnen, daß jüdische Herrschaften ihr Gesinde im Allgemeinen mit einer Vorsicht, die sich selbst achtet, Und mit Milde zu nehmen wissen. Das ist ersahrungsmäßig." Es ist dies ein officielles Zeugniß, das wir ad acta zu nehmen nicht verfehlen wollen. Treffen wir doch so selten auf ein unparteiisches Urtheil. Berlin, 29. Nov. lPrivatmitth.) Nachdem die Wahlen geschehen, athmet man wieder frei auf, selbst da das Resultat noch nicht bekannt geworden, obschon alle Parteien darüber einig sind, daß die liberale einen entschiedenen Sieg erfochten. Man hat Monate lang in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen von Nichts weiter sprechen, über Nichts weiter debattiren hören, als über die Wahlen, und der Fremde, der gerade hier eintraf, mußte über eine so lebhafte Bewegung erstaunt sein. Es hat sich in der That einmal wieder bewiesen, daß es mit dem gewöhnlichen Gerede über Jndifferentismus bei den Juden, besonders in Berlin, doch nicht viel auf sich hat, daß vielmehr das Judenthum in allen seinen Bekennern noch eine unmeßbare Lebenskraft besitzt. Denn es galt hier in der That einen Streit um Persönlichkeiten, denn alle Candidaten waren höchst ehrenwerthe Männer, und sind

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.