Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1865)
- Date
- 1865-12-12
- Page
- Seite 771 (sequence 3)
- Language
- German
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scheu Verhältnissen, vorzüglich auch dem Wirken Einzelner, -ihren Ursprung verdanken. Waitz ist sogar der Annahme eines einzigen Elternpaares nicht abgeneigt, obwohl ihm positive Gründe dafür wissenschaftlich zu fehlen scheinen. Er sagt (S. 225): „In neuerer Zeit haben Viele nach einem positiven Gegenbeweise gegen diese Ansicht [ber Abstammung von einem Paares gesucht. Rudolphi (Beiträge zur Anthropol. 1812. S. 150) hat an die Schwierigkeiten erinnert, welche der Annahme im Wege stehen sollen, daß eine Ausbreitung der Menschen über die ganze Erde von einem Orte allein stattgefunden habe. Diese Schwierigkeiten sind offenbar nirgends auf der Erde größer oder auch nur eben so groß, als in der Südsee, und doch läßt sich gerade hier in genügender Weise zeigen, nicht allein, daß sie nicht unüberwindlich sind, sondern auch, daß durch sie weder Einwanderungen von auswärts, noch auch die Ausbreitung der Menschen von einer Inselgruppe zur andern gehindert worden sind. Um nicht weitläufig zu werden, bemerken wir hier nur, daß besonders Japanesen häufig erwähnt werden, die in die Südsee verschlagen wurden: es kamen solche durch eine große unwillkührliche Seereise im Jahre 1690 nach Manilla (G. Careri, Voy. du tour du monde 1719 V. p. 64), 1832 und öfter nach Oochu (Kennet, Narr. of a wlialing voy. I. p.242; Jarves, Hist, of the Sandwich Isl. p. 27; Wilkes V. p. 260), 1833 selbst nach Point Grenaille 172° nördlich von der Mündung des Columbia (Wilkes IV. p. 295), und Humboldt hat hervorgehoben, daß von Asien nach Amerika zu kommen sei, ohne den 55. Grad nördl. Breite zu überschreiten und ohne jemals eine mehr als 24—36 ständige Seereise zu machen. (Neuspanien, II. p. 273 not. Vgl. Hist, de la geogr. du nouveau continent 1836. II. pag. 607.) Völlig entscheidend aber ist der Umstand, daß die große Uebereinstimmung, welche in Sprache, Sitte, Sage und Religion in Polynesien von den Sandwichinseln bis Neu-Seeland hin herrscht, die Annahme verschiedener Abstammung gar nicht einmal zuläßt. Es können daher die Schwierigkeiten der Wanderungen nicht als Grund gegen die Ansicht geltend gemacht werden, daß die Menschen ursprünglich von einem Orte der Erde allein ausgegangen seien." — Doch, wie gesagt, wissenschaftliche Gründe für diese Ansicht will er auch nicht kennen. Als Beispiel der Veränderlichkeit menschlicher körperlicher Besonderheiten führt er u. A. S. 52 an: „Eine interessante Skale aller Nüancen bis zum Neger durchlaufen namentlich die Juden. Haben sie westlich von Tomsk in der BarabinSky-Steppe helle Haut und lichtfarbiges Haar. (Simpson, Narr, of a journey round the world 1847 II. p. 410), was in England und Deutschland schon seltener ist, so zeigen sie abgestuft dunklere Farben in Spanien, Portugal, Syrien, Ostindien und Congo (Näheres bei Prichard IV. p. 597), und mag es auch sein, daß die von Johann II. 1492 aus Portugal vertriebenen Juden sich in St. Thomas mit Negern vermischt haben (wie Sprengel, vom Ursprung des Negerhandels 1779, S. 32, nach Oldendorp S. 287 angiebt), so ist dies sicherlich nicht für die einzige Ursache der veränderten Farbe aller Juden zu halten." Auffallend ist die Angabe, daß, während das ullgegemeine Verhältniß der männlichen zu den weiblichen Geburten ---- 106: 100 ist, es bei den Juden sich anders gestalte (S. 127): „bei den Juden in Berlin ist das Verhältniß der weiblichen zu den männlichen Geburten 100: 208 [?]*) bei den Juden in Livorno 100: 120, und in den preußischen Staaten überhaupt ----- 100:111 (Burdach, Physiol. I. p. 532; Hoffmann bei Quetelet, Ueber den Menschen, Uebers. S. 56)." Wenn in diesem Blatte mit so vielem Glücke gegen den sg. Racenschematismus gekämpft wird, so scheint es mir wohl beachtungswerth, daß dieser Wahnsinn vorzugsweise von französischen Schriftstellern genährt wird, und in Deutschland außer einigen Naturforschern keinen bedeutenderen Mann findet, der ihn goutiren mag. Dazu sind die Deutschen doch zu tief, um sich zu solchem Leichtsinne fortreißen zu lassen.*) —Virchow hält wieder einen Vortrag Über die 40,000 Jahre (!) alten Pfahlbauten, obwohl man in den einen römische Kaifermünzen, in den andern slavische Geräthe aus dem 12. Jahrhundert gefunden hat. Aber das genirt einen historisirenden Naturforscher nicht! *) Das glaube wer da wolle! Die preuß. offiziellen Tabellen geben über das Verhältniß der Geschlechter nach den Religionen nichts. Redact. **) Wir geben dies zu, und haben dies in No. 46 S. 706 Sp. 2 selbst bemerkt. Allein in Deutschland weiß man doch solche Dinge wenigstens gegen die Juden zu verwenden, und mag man wissenschaftlich davon halten was man wolle, so bietet doch der Racenschematismus einen bequemen Winkel, in welchem man alle Vorurtheile gegen die Juden konserviren kann. Die Redaction. so*