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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-12-12 · Heft 50 (12.12.1865) · p. Seite 770

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 50 (12.12.1865)
Date
1865-12-12
Page
Seite 770 (sequence 2)
Language
German
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Sitte erfahren und angenommen haben, was sie um so mehr geeignet macht, integrirende Theile des bezüglichen Staats- und Volkslebens zu bilden. Wir sind auch nicht verblendet genug, um nicht einzusehen, daß hiervon auch das Iudenthum in seiner äußeren Erscheinung, in nebensächlichen Momenten seines Lebens, in seinen örtlichen Bedürfnissen und den desfalls nothwendigen Bestrebungen Modifikationen erfährt. Aber gerade diesem gegenüber war es von Beginn an unsere innigste Ueberzeugung, daß das Judenthum an sich nur Eines ist, sein Wesen, seine Lehre, sein Gesetz, seine Geschichte, seine Mission nur Eine und Dieselben sind, kein anderes am Ufer der Themse und Seine, wie am Ufer des Euphrat und des Ganges. Aus dieser Ueberzeugung entstand die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", deren eigentliche Tendenz darin bestand und besteht, das geistige Band zwischen den Juden aller Länder in den ihnen gemeinsamen Interessen. wieder herzustellen und anzuknüpfen, eine einheitliche Entwickelung überall zu fördern, oder zu wecken, oder von ihr Kunde zu geben und mit gleicher Liebe und Wärme die zerstreuten Söhne Israels als Glieder einer Glaubensgenossenschaft, als Abkömmlinge eines Stammes, darum auch in gewissen Beziehungen eines Geschickes theilhaftig, zu umfassen. Wir glauben auch, daß wir hierin ebenso sehr die konkreten Verhältnisse und wirklichen Vorgänge, wie die Ansichten und Gefühle der Intelligentesten unserer Glaubensbrüder zu Bundesgenossen haben. Wir verwahren uns daher gegen diese neuen Trennungen, welche sich zwischen den Bekennern des Judentums geltend machen wollen, die den Juden in Amerika ein besonderes amerikanisches Iudenthum, dem Juden in Oesterreich ein besonderes österreich. Iudenthum und so weiter insinuiren wollen. Hinweg damit! Ihr seid in allen politischen, socialen und bürgerlichen Beziehungen Amerikaner, Engländer, Dänen, Franzosen, Oesterreicher u. s. w. — aber in religiöser Beziehung Juden, nichts als Juden, dieselben Juden! Alle dieselben reli-- giösen Pflichten und Aufgaben, ja auch dieselben religiösen Kämpfe und Streitfragen leben in dem einen wie in dem anderen Theile, so wie wir nur eine Thora, eine heilige Schrift, einen Talmud (babyl. und jerusalem.), eine Geschichte, eine Literatur haben. Unsere Vergangenheit stellt uns ein warnendes Beispiel auf, wohin und wie weit solche Spaltungen nach Ländern und Nationen führen können. Wir greifen nicht bis zu der Trennung in das Reich Juda und Israel zurück. Aber die Absonderung, in welcher die sg. spanischen und portugiesischen Juden sich von den deutschen und polnischen bis zu dem heutigen Tage erhielten, und welche nicht blos eine Verschiedenheit des Ritus, eine Trennung der Gemeinden und wohlthätigen Anstalten an einem und demselben Orte', also auch eine Mehrbelastung der Gemeinden u. dgl., sondern sogar eine Verhinderung in der Verheirathung unter einander, also auch völlige sociale Entfremdung hervorbrachte, war nichts als ein Ausfluß solcher anfangs unscheinbaren Trennung. Unsere Zeit ist allerdings nicht mehr angethan, solche Spaltungen geradezu konkret werden zu lassen, aber bei dem Nationalitätsfieber, das jetzt durch die civilisirte Welt geht, kann sich doch leicht ein solcher Geist der Gemüther und zwar gerade der entzündbaren, also für Begeisterung fähigen, bemächtigen, und dies würde für die Entwickelung des Judenthums, für das Bewußtsein der Einheit, so wie bei jeder Gelegenheit, wo es eines gemeinsamen Werkes und Wirkens bedarf, von unberechenbarem Schaden sein. Danken wir Gott, daß es endlich gelungen ist, nach und nach jenen" Pfahlbürgersinn, der nichts als das Weichbild seiner Gemeinde kennt, aus uns zu bannen, und richten wir nun nicht neue Schranken, etwas weiter gesteckt, aber doch immer für engere Gebiete, zwischen uns auf! CoUertaneen. von Mt. PH. Der bekannte Psycholog Th. Waitz hat unter Anderem ein sehr geschätztes Werk „Anthropologie der Naturvölker" verfaßt, in dessen erstem Theile er die Arteinheit des Menschengeschlechtes aus physiologischen, psychologischen und intellektuellen Gründen nachzuweisen sucht. Er zeigt, daß die körperlichen Unterschiede zwischen den menschlichen Racen keine festen, sondern fließende sind, und daß der Haupttypus jeder Race mit demjenigen jeder andern durch unzählige Mischlingsformen und sogar Abstufungen, die nicht durch positive Racenvermischung erklärt werden können, . verbunden ist; während doch sonst die wirklich verschiedenen Arten keiner Vermischung fähig sind. Ebenso thut er dar, daß die großen geistigen Verschiedenheiten, wie sie jetzt unter den menschlichen Völkern bestehen, nicht einer ursprünglich besonderen geistigen Befähigung, sondern geographischen und histori-

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