Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1865)
- Date
- 1865-12-05
- Page
- Seite 764 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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764 flnchtsftätte gedient haben, bevor sie sein wirkliches Vaterland wurden. Diese letztere Art der intellektuellen und moralischen Arbeit wurde im Jahre 1854 mit mehr Lebhaftigkeit als Verständniß ergriffen. Ein Meeting in London, eine Reise des Herrn Dr. Philippson begannen diese Frage zu lösen oder doch wenigstens die Lösung vorzubereiten.*) Seit lange schon, besonders seit meinen Reisen in das französische Afrika, habe ich mir einige Ideen gebildet, welche mir sehr geeignet scheinen, die Bildung unter unseren Glaubensgenossen im Orient zu verbreiten und nach und nach die intellektuelle und moralische Erziehung dieser so intereffanten Bevölkerung zu fördern, welche den Gefühlen der Humanität und der Civilisation so zugänglich ist, sobald sie nicht von der Furcht zurückgehalten wird, die Innigkeit ihrer religiösen Ueberzeugungen sich vermindern zu sehen. Einmal über diesen Punkt beruhigt durch Männer, welche ihnen Vertrauen einsiößen, durch Institutionen, welche sie in ihrer Mitte bestehen sieht und über die sie gern eine gewiffe Aufsicht sich bewahrt, stürzt sie sich kühn auf den offenen Weg vor ihr, legt in kurzer. Zeit eine bedeutende Strecke zurück und ist glücklich darüber, sich mit ihren Glaubensgenossen anderer Länder messen zu können. Wenn man das Glück hat, an jedem Orte eine oder zwei reiche oder wohlhabende Familien zu gewinnen, welche diesem edlen Zwecke einen Theil der für Wohlthätigkeit bestimmten Summe bewilligen wollen, dann ist die Sache entschieden und man kann mit Gewißheit auf einen sichern Erfolg rechnen. Aber um dieses Resultat zu erzielen, muß man an Ort und Stelle sein; man muß zu ihnen sprechen, und fortwährend, in den Synagogen und in den öffentlichen Versammlungen, wie in den Familien- und Privatunterhaltungen, um ihnen *) Wir danken Herrn Albert Cohn,-daß er sowohl bei dem Beginne aller neueren Unternehmungen für Jerusalem, insonders bei der Errichtung des Rothschild'schen Hospitals daselbst, als auch bei den Bestrebungen für den Orient überhaupt, unser gedenkt. Wir könnten uns aber wundern, daß, da sich Herr Cohn doch sonst über Alles und Alle des Weiteren ausläßt, er die gedachten Punkte nur aufs Leiseste andeutet und gewissermaßen mysteriös läßt. .Jndeß für den, der sich für diese Dinge interessirt, liegen die Akten in der A. Zeit. d. Judenthums, und kann sie daselbst Jedermann aufstnden. Die Redaction. die Bewegung der modernen Gesellschaft und die Möglichkeit zu erklären, mit der Ruhe, welche feste religiöse Ueberzeugung verschafft, die Befriedigung zu vereinigen, welche die Kenntniß unserer Zeit hervorruft. Ich hatte dieses Mittel in Algier mit ziemlichem Erfolge bei einer Bevölkerung versucht, welche in ihren Sitten, wie in ihrer Sprache viel Aehnlichkeit mit den jüdischen Bewohnern anderer Gegenden des Orients hat, um Hoffnungen für das Werk schöpfen zu können, welches ich eben unternehmen wollte. Aber in der Mitte dieser Orientsfrage, welche schon so schwierig ist, befand sich Palästina und besonders Jerusalem mit seiner kosmopolitischen Bevölkerung, die aus allen Gegenden der von unseren Brüdern bewohnten Erde und besonders aus polnischen und türkischen Ländern, herbeigelaufen ist. Habent sua fata libelli. Die Bücher haben ein Geschick, sagt ein altes Sprüchwort, und die Städte nicht weniger als die Bücher, möchten wir hinzufügen. Jerusalem wird ein Name sein, welcher aus jüdische Gemüther einen eigenen Zauber ausübt. Eine glorreiche Vergangenheit, eine verheißene Zukunft knüpfen sich an die allgemeinen Ideen, welche die gläubige Seele anziehen. Auch wurde alle Art Hülfeleistung von jeher und von überallher dieser Bevölkerung geleistet, die, mehr oder weniger träge, die Gräber ihrer Vorfahren bewacht und über das traurige Schicksal der Stadt unter allen Städten, wo die zerstreuten Kinder Israels wohnen, weint. Auch Pilger, durchdrungen von der Frömmigkeit und der Mildthätigkeit, haben sich zu allen Zeiten beeifert, die Trümmer einer ehemaligen Größe aufzusuchen oder vielmehr sich mit den edelsten Gedanken zu begeistern, indem sie die Plätze und Oerter besuchen, wo die größten Worte erschallten, welche die Menschheit jemals gehört. Es war natürlich, daß der fromme und verfolgte Jude in seinen alten Tagen mit allen Mitteln darnach strebte, sein Leben bei seinen Brüdern zu beschließen. Hier wie dort Druck, aber wenigstens vertauschte er ein Land, das ihm nur von Verfolgung sprach, mit einem anderen, welches nicht immer so hart gegen seine Bewohner gewesen. Ein großer Theil unseres Lebens gehört der Einbildung an, und die Träume des Alters vereinigen sich gern mit den Träumen der Kindheit. Daher kommt die große Anzahl alter Leute unter den jüdischen Bewohnern Jerusalems und überhaupt Palästinas. Dieses Zusammenkommen von schwachen Familien, die meisten-