Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1865)
- Date
- 1865-12-05
- Page
- Seite 760 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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heilsame Controle über die Gewählten und erleichtert in Zukunft die Wahl geeigneter Candidaten." Gumbinnen, 9. Nov. Wie die Pr. Litth. Ztg. meldet, hat hier der Consistorialrath Heinrici einen 14 Jahre alten jüdischen Knaben auS Polen getauft, obwohl die Mutter desselben hierher gekommen war und den Geistlichen in ihrem und ihres Mannes Namen aufforderte, den Knaben zurückzugeben. Jener wies sie mit dem Bedeuten zurück, daß der Knabe selbst den festen Willen habe, zum Christenthume überzutreten (?). Merzig, bei Trier, 26. Oct. (Privatmitth.) In hiesiger Gemeinde hat sich ein Verein gebildet „Thalmud Thora", um durch wöchentliche Vorträge aus der Thora und den Commentaren den Inhalt der Thora Jedem verständlich zu machen und die in der Jugend gewonnenen Kenntnisse zu befestigen und zu erweitern. Wer das 16. Lebensjahr erreicht hat, kann actives Mitglied des Vereines werden. Damit reger Antheil an dem Bortrage genommen wird, kann jedes Mitglied durch Fragen, um sich Belehrung zu verschaffen, den Vortragenden unterbrechen. Der Lehr-Gegenstand wird von mehreren befähigten Mitgliedern unentgeldlich behandelt. Der monatliche Beitrag wird zu wohlthätigen Zwecken verwendet. Das Comits hatte die Freude, daß fast die ganze Gemeinde an dem Vereine sich betheiligte. Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, im November. Herr Dr. G. Wolf veröffentlicht in einer der hies. Hauptzeitungen einen sehr interessanten Artikel „für entlassene Sträflinge", in welchem er lichtvoll auseinandersetzt, wie traurig gemeinhin das Schicksal derjenigen ist, welche eine Zuchthausstrafe überstanden haben. Wenn schon der Aufenthalt in solchen Anstalten durch das gemeinsame Leben mit den größten und abgefeimtesten Verbrechern eine Lasterschule ist, so führt den Entlassenen der Mangel an Subsistenzmitteln und die Schwierigkeit, irgend ein Unterkommen, eine Arbeit oder einen Dienst zu erlangen, in der Regel zu Rückfällen, vr. W. beklagt es, daß im Allgemeinen noch so überaus wenig und das Wenige unzulänglich für entlassene Sträflinge geschieht, und fordert allgemein auf, für diesen Zweck durch Bereinigungen energisch thätig zu sein. Wir heben aus seinem Aufsatz die Stelle hervor, in welcher er über die jüdischen Sträflinge sich ausläßt:. „Ich muß nämlich dem geehrten Leser, der so freundlich war, mir bisher zu folgen, mittheilen, daß ich feit 13 Jahren mit den israelitischen Sträflingen, die sich früher im hiesigen Strafhause befanden, und seit der Errichtung der Strafanstalt in Stein daselbst sind, gewissermaßen im amtlichen Verkehre stehe, und es sind eben Erfahrungen, die ich während dieser Zeit gesammelt habe, welche ich mir hier erlaube mitzutheilen. „Ich bestrebte mich seit dem Beginne meiner Wirksamkeit so zu sagen, um bei dem oft gebrauchten Bilde stehen zu bleiben, den Kranken und nicht die Krankheit zu heilen. So oft ich in der Lage war, den Häftlingen eine Freundlichkeit und Gefälligkeit zu erweisen — und die Gelegenheiten dazu sind zahllos, da ein wohlwollendes, freundliches Wort oft hinreicht, ein gebeugtes Gemüth momentan zu erheben — um so weniger wies ich eine an mich gerichtete Bitte zurück, wenn ich in der Lage war, sie zu erfüllen. Die Häftlinge gewannen dadurch die Ueberzeugung, daß eS mir ernstlich darum zu thun sei, ihre elende Lage zu erleichtern und ihr Wohl zu fördern, und meine Ermahnungen fanden daher oft empfänglichen Boden. „Am meisten beschäftigte mich jedoch der Gedanke, die Verirrten und Gefallenen, wenn sie die Strafe abgebüßt haben, der menschlichen Gesellschaft als nützliche Mitglieder zuzuführen. Ich ertheilte daher jüngeren, intelligenteren Menschen den Rath, während der freien .Stunden zu studiren, eine fremde Sprache sich anzueignen rc. Ich halte es nämlich für besser, wenn die freigewordenen Häftlinge, die sonst nicht an den Aufenthaltsort, wo man sie als Verbrecher kennt, gebunden sind, in die Fremde gehen, um da ein neues Leben zu beginnen. Andere junge Leute ließ ich sofort nach ihrem Austritte ein paffendes Handwerk erlernen. In Folge einer Verwendung bei dem Vorstande der Wiener israelitischen Cultusgemeinde erbot sich derselbe aufs freundlichste, den austretenden israelitischen Sträflingen eine Geldunterstützung zukommen zu lassen, damit sie für den ersten Moment nicht genöthigt werden, aus Mangel und Noth wieder Verbrechen zu begehen. Für diejenigen, die durch ihr Vorleben und während ihres Aufenthaltes in der Strafanstalt gewissermaßen