Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1865)
- Date
- 1865-12-05
- Page
- Seite 759 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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759 völlig verschwinden und Niemanden anziehen können, der in dem geläuterten, deutschen Gottesdienste bisher Befriedigung gefunden habe; aber selbst auf die Gefahr hin , gleichgiltige und wenig nachdenkende Mitglieder zu verlieren, müsse man die allein würdige Haltung für den Fortschritt innehalten. Ein solcher Verlust sei nur Gewinn für eine Gemeinde, die seit 20 Jahren bestehend, schon sich aus sich selbst ergänzt und zu den hohen Feiertagen mehrere Hundert Anforderungen um Plätze unbefriedigt lassen muß. 3) Es erfordere auch der materielle Schaden, den die Gemeinde durch die Nichteröffnung des Tempels erleide und den auch die Reformer mittragen müssen, hohe Berücksichtigung, endlich 4) habe die Reformgemeinde die Aussicht, daß liberale Repräsentanten auch ihren gerechten Forderungen Gehör schenken werden, da sie alle Lasten der großen Gemeinde mittrage und zu ihrem auf über 8000 Thlr. sich belaufenden Budget von der Gesammtgemeinde keinen Zuschuß erhalte. Wenn übrigens Ihr Privat-Correspondent trotz seiner Ansicht von den eifrigsten Reformmitgliedern dennoch einen Sieg der liberalen Partei hofft, so steht er auch darin sehr isolirt, da die allgemeine Meinung Sachkundiger entschieden dahin ging, der Sieg sei nur durch starke Betheiligung der Resormgemeinde für den Fortschritt zu erringen. Mögen die Anstrengungen der Ehrenmänner, die das Wohl der Gemeinde im Auge haben, nicht vergebens gewesen sein, dann werden auch die für uns Juden beschämenden Umtriebe, die sich bei dieser Gelegenheit zwischen durch in den Vordergrund drängten und den Jesuitismus auf unfern Boden zu verpflanzen versuchten, wieder vergessen werden. *) Dr. W. Berlin, 22. Nov. (Privatmitth.) Wenn auch heute bereits die Entscheidung vor sich geht, so gestatten Sie mir doch, gerade weil es sich um Prinzipien handelt, und den vielen gröblichen Verdrehungen und Ver- *) So gern wir von der obigen Berichtigung Akt nahmen, so müssen wir doch zur Rechtfertigung unseres Corresp. bemerken, daß doch wohl einige Mitglieder der Reformgemeinde eine andere Ansicht hegten und wahrscheinlich erst ^durch die oben besprochene Versammlung anderen Sinnes geworden. Denn wir selbst sehen z. B. den Namen eines der entschiedensten Gründer der Reformgenosienschaft nicht blos in der Candidatenliste, sondern auch unter den Unterzeichnern eines gewissen Cirkulqirs auf gelblichem Papiere. Di^e Redaction. dächtigüngen, deren man sich von gegnerischer Seite bedient hat, gegenüber, das eigentliche Programm der liberalen Partei noch einmal hier zufixiren, indem ich die betreffende Stelle aus dem in den hiesigen Zeitungen veröffentlichten Programme herstelle. Im Anschluß an die mehrerwähnten Petitionen heißt es daselbst: „Die gedachten Petitionen bezweckten nicht eine Neugestaltung des Gottesdienstes; das Ziel derselben war und ist vielmehr lediglich dieses: dem tiefen religiösen Bedürfnisse einer sehr großen Anzahl von Gemeindemitgliedern nach einer veredelten und geläuterten Form des Gottesdienstes, in der neuen Synagoge Geltung zu verschaffen. Nichts lag uns und den Petenten ferner, als an den Grundlagen rütteln zu wollen; wir halten fest an dem Gebete in hebräischer Sprache und wollen diese heilige Sprache nicht als Ornament, sondern als Fundament des Gottesdienstes betrachtet wissen; wir wünschen aber neben diesen Gebeten deutsche Gesänge und Gebete; die Anwendung der Orgel erscheint uns in dem neu erbauten Tempel als ein B edürfniß, die Kürzung der Gebete als eineNothwendigkeit. Wenn von anderer Seite verbreitet worden ist, wir erstrebten eine Verlegung des Sabbathgottesdienstes auf den Sonntag, es werde die Aenderung des Wahlmodus beabsichtigt, der neue Tempel sei nur für die Reichen bestimmt und dergl. mehr, so können derartige Insinuationen nur von solchen ausgehen, welche jedem Fortschritte abhold dnrch derartige Erfindungen die Schwankenden zu sich herüber zu ziehen hoffen. Die Form des Gottesdienstes in der alten Synagoge soll völlig unberührt bleiben; denjenigen, welche an der alten Form hängen, kann sonach in keiner Weise eine Benachtheiligung aus unfern eben so berechtigten Bestrebungen für die neue Synagoge erwachsen. Wir beanspruchen und erstreben schrankenlose Erhaltung der Gewissensfreiheit. Dieser Weg erscheint uns als dergeeignet ste, um Frieden und Einigkeit in der Gemeinde, Liebe und Anhänglichkeit für das Judenthum in derselben zu fördern und zu erhalten.' Die Öffentlichkeit der Verhandlungen der Repräsentantin-Versammlungen erhöht das Interesse der Wähler an den Gemeinde-Angelegenheiten, übt eine