Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1865)
- Date
- 1865-11-28
- Page
- Seite 745 (sequence 9)
- Language
- German
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745 „ausgebildet und gestaltet haben. Als Mandatare der Gemeinde hätten die Vertreter derselben, den gesetzlichen wie den Rilualvorschriften „gemäß, sich nach bestem Wissen und Gewissen „über die Prinzipien einer Kultusord- „nung für die neue Synagoge zu verständigen, „selbstverständlich ohne das hergebrachte historisch „Begründete zu beeinträchtigen. Erft wenn „die Gemeindebehörden sich über die „Prinzipien werden verständigt haben, „werde auch das Gutachten der Sachkundigen über das Elaborat der Commission einzuholen sein." Das Resultat dieser Verhandlungen war, daß 1) die uneingeschränkte Benutzung der Orgel, 2) die Kürzung der Agende, 3) die Einführung einiger deutschen Gebete als drei Grundprinzipien für die Befsergestaltung des Gottesdienstes der neuen Synagoge von der Commission durch Majorität festgestellt wurden. Mit diesem Commissionsbeschlusse vollkommen übereinstimmendbezweckte unsere Vorlage vom 3. Mai e. (S. 25—27 des Berichts) die einstweilige Vereinbarung einiger Normativbestimmungen, um demnächst die weitere Vorlage bearbeiten und — wie am Schlüsse jenes Antrages angedeutet ist — von den Rabbinern begutachten zu lassen. 6. Erstaunlich ist es, wie Angesichts unseres an die Repräsentanten-Versammlung gerichteten und bis zum heutigen Tage noch nicht beantworteten Schreibens vom 18. Juni d. I. (S. 28 und 29 des Berichtes) in dem Schriftstücke derselben behauptet werden kann, daß mit der Nichteröffnung der neuen Synagoge eine Pression auf die Versammlung habe geübt werden sollen. Wenn nach dem Beschlüsse der Repräsentanten-Versammlung „zeitgemäße Veränderungen" bei dem Gottesdienste der neuen Synagoge stattfinden sollen, so versieht es sich von selbst, daß diese Veränderungen vor der Eröffnung des Gotteshauses festgestellt sein müssen, und so lange dies nicht der Fall ist, die Synagoge auch nicht eröffnet werden konnte." Es ist demnach genug geschehen, um sowohl die hies. Gemeinde, als auch diejenigen auswärtigen Leser d. Bl., welche ein Interesse an der Sache nehmen, über den Stand der Dinge aufzuktären. — Nicht unerwähnt wollen wir jedoch hier auch einen trefflichen Leitartikel der „Volkszeitung" vom 11. November lassen, der vom objektiven Standpunkte aus das ganze Verhältniß darstellt. Er schildert die beiden in Berlin sich gegenüberstehenden Culte in der alten Synagoge und der Reform, und zeichnet nun die große Mittelpartei, welche zwischen diesen nach einem gottesdienstlichen Ausdrucke strebt. Es heißt da: „So lange es sich daher um Reformen in der alten Synagoge handelte, fanden selbst unwesentliche Veränderungen keine rechte Unterstützung in der Gesammtgemeinde. Man mochte den Alten Gewohntes und Heiliggehaltenes nicht entreißen, we'nngleich das Bedürfniß der Abschaffung und Umgestaltung ein fast zwingendes wurde. Die Rücksicht und Nachsicht erfand vielmehr eine Auskunft, welche den Wünschen nach allen Seiten Genüge zu bieten schien, und diese Auskunft bestand in dem Bau einer neuen Synagoge, welche die sogenannte Mittelpartei befriedigen sollte, ohne die alte Partei in ihrem hergebrachten Cultus zu stören. „Diese neue Synagoge ist jetzt im Bau ihrer Vollendung nahe. Das Gebäude, eines der schönsten dieser Art in Berlin, ist zwar aus den Mitteln ihrer Gesammtgemeinde errichtet; aber es entstand meist aus den namhaftesten Opfern der Mittelpartei, die es als ein Werk der Vermittlung ins Leben treten ließ. In diesem neuen Gebäude sollte nach dem Plane seiner thatkräftigsten und opferbereitesten Gründer zwar noch immer ein Haupttheil des Gebetes in hebräischer Sprache abgehalten, allein zugleich das deutsche Gebet, der deutsche Ehoralgesang nebst Orgelbegleitung eingeführt werden. Es sollte der Sonnabend als der wöchentliche Sabbathtag gefeiert, jedoch im Gebete das fortgelassen werden, was Rückkehr nach Jerusalem und Wiederherstellung des palästinensischen Staates nebst Priester- und Opferkultus fordert. Mit einem Worte: diejenigen Reformen, welche man Anstand nahm, dem alten Gotteshause und seinen eifrigen Anhängern aufzuzwingen, sollten eine Stätte in dem neuen finden. „Da aber kehrt sich die Scene um. „Die Verehrer des Herkömmlichen, die man in ihrem Kampf für die Erhaltung des Alten schonte, treten jetzt mit dem Anspruch auf, sich auch der neuen Synagoge zu bemächtigen. Der Vertheidigungskampf wird 48