Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1865)
- Date
- 1865-11-28
- Page
- Seite 743 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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bei allem Schwall von Reden und Inseraten darf doch nicht vergessen werden, daß es sich diesmal bei uns nicht um Personen, sondern um Principien handelt, daß die Gemeinde nicht berufen ist, über Personen zu Gerichte zu sitzen, sondern sich in ihrer Majorität für oder wider die Stabilität auf der einen, oder die Entwicklung des Judenthums auf der anderen Seite zu erklären. Unstreitig erhält hierdurch die Agitation eine höhere Bedeutung und ich kann den Leser mit ihr beschäftigen, auch wenn diese Zeilen ihm dann erst zu Gesichte kommen, wenn die Wahl schon vorüber sein wird. Gerade weil die Rabbiner, welche zukünftig hier das geistliche Amt versehen werden, noch nicht gewählt, ja noch nicht einmal designirt sind, und weil die ausscheidenden Repräsentanten ehrenwerthe Individuen sind, ist der Kampf ein prinzipieller und hat im Grunde nichts von dem widerwärtigen Gezänk, das sonst bei derartigen Gelegenheiten in den jüdischen Gemeinden vorzukommen pflegt. Ich erlaube mir daher eine Bemerkung gegen einen Ausspruch eines Ihrer Berliner Correspondenten, der meinte, es wäre ein schlimmer Zustand, daß die Entscheidung über wichtige religiöse Fragen in den Händen einiger Laien von geringer Zahl läge. Aber Ihr Correspondent übersieht hierbei, daß es sich um Fragen handelt, die seit fast einem halben Jahrhundert bis zur Sättigung diskutirt worden sind, über welche die Gründe und Gegengründe von Seiten der Sachkundigen und Fachgelehrten bereits so oft ausgesprochen, abgewogen und dargelegt wurden, daß sich Jedermann, dem es am Herzen liegt, aufs Leichteste ein Urtheil bilden kann. Wer vermöchte wohl noch über die Einführung der Orgel, Abschaffung der Piutim, Vereinfachung der Liturgie, des Gesanges u. s. w. etwas Neues pro und contra zu sagen? Jeder Sachkundige, wie jeder Laie hat sich darüber seine Meinung gebildet und es kann daher gar nicht darauf ankommen, ob immer und immer wieder Theologen darüber gehört werden mögen. Soll also etwas wirklich ausgeführt werden, so ist das wesentlichste Moment, zu erforschen, welche Bedürfnisse in der Gemeinde am meisten vorherrschen, welche Einrichtungen daher den belebendsten, weckendsten und dauerndsten Einfluß üben werden. Und dies zu entscheiden, sind doch wohl die selbstgewählten Vertreter einer Gemeinde, also Repräsentanten und Vorsteher am geeignetsten. Handelte eS sich um bis jetzt unerhörte Neuerungen, oder um Dinge, welche von der überwiegenden Mehrheit der mehr oder weniger allgemeines Vertrauen besitzenden Theologen verworfen worden sind, so wäre es allerdings zu beklagen, daß eine kleine Zahl der Laien berufen sein soll, darüber zu entscheiden. Unter den gegebenen Verhältnissen aber sehe ich keine Gefahr darin. Denn sollten selbst die Stabilen die Oberhand erhalten und auch die neue Synagoge für jetzt die vollständige Wiederholung der alten werden, so werden doch dieselben Fragen nach fünf oder zehn Jahren wieder an die Gemeinde treten, und zwar mit wachsender Gewalt, bis sie erledigt worden. Es mag sein, daß der sel. vr. Sachs in den vierziger Jahren für, in den fünfziger Jahren gegen eine Umgestaltung des Gottesdienstes gewesen: er konnte es nicht verhindern, daß das Verlangen danach immer leben-- diger in ^der Gemeinde sich kundthat, und so stehen wir heute, wo wir in wenigen Jahren wieder stehen werden, wenn es den Stabilen gelänge, sich abermals in der Repräsentantenversammlung die Mehrheit zu sichern. — Blicken wir noch einmal auf die nun verlaufene Jnseratenfluth, so ist es bemerkbar, daß nur wenige derselben von der liberalen Seite ausgingen, die bei Weitem meisten von der stabilen Seite. Es zeugt dies immer von großer Regsamkeit, andererseits von dem Vertrauen, welches die liberale Partei auf ihre Sache hat. Es fanden sich unter den Inseraten einige ruhig gehaltene Kritiken des liturgischen Programms des Vorstandes, dann aber auch Uebertreibungen aller Art, und zuletzt auch Drohungen und Flüche. Von letzteren eine kleine Probe. Es ist bekanntlich eine Einbildung aller ultramontanen Parteien, welcher Religion sie angehören, mit der göttlichen Gerechtigkeit und Vergeltung auf einem ganz besonders vertrauten Fuße zu stehen, und Tod und Verderben in Händen zu haben, um sie auf ihre Gegner nach Belieben auszuschütten. In einem Inserate, „das alte jüdische Gesetz" überschrieben, heißt es u. A.: „Die Gründe der neuen Reform und ihrer huldvollen göttlichen Prediger rüttelten an dem alten Gesetz, und wo sind sie sämmtlich geblieben? — Der Todespfeil schleuderte sie zu Korah dem Sohn Jezhar und seinem Anhänge." — „Rüttelt nicht an dem uralten Gesetz, so werdet ihr bei Gott dem höchsten Schöpfer, sowie bei den Königen der Erde und allen Nationen nur geachtet und geschätzt sein, wenn nicht, so sucht euch nur baldigst Plätze aus, den Körper den Maden und Moder zu übergeben."