Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1865)
- Date
- 1865-11-28
- Page
- Seite 742 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Christ geworden zu sein. Hiergegen trat der hies. Rabbiner Herr vr. Jastrow auf, indem er nachwies, daß dies eine durchaus falsche Behauptung sei, indem, wenn das Prinzip der Freimaurerei die allgemeine Nächstenliebe sei, diese nicht im Christenthume, sondern im Judenthume öriginaliter aufgetreten sei. Der Berf. des ersten Artikels vertheidigte sich nun Widder, und flüchtete sich vom moralischen Standpunkte, den er verloren geben mußte, auf den dogmatischen, und meinte, der christliche Gottesbegriff vom Gotte der Liebe stehe der Freimaurerei näher, als der jüdische vom Herrn und König Zebaoth. Auch hierzu schwieg vr. I. nicht, und führen wir gerade in dieser Beziehung seine Worte an. Er sagt: „Das Judenthum saßt vorwiegend an der Gottheit zwei Seiten auf: die strafende Gerechtigkeit und die milde Liebe. Elftere stellt sich dem Menschen als warnender Vater entgegen, wenn er sündigen will, letztere als liebevolle Mutter, wenn er reuig zurückkehrt oder wenn er sich in seiner Kleinheit und Abhängigkeit fühlt. Für die eine wie für die andere Seite des israelit. Gottesbegriffs ließen sich in der Bibel gleich viele Stellen aufweisen, und schon eine Bemerkung des Talmud lautet: „Ueberall wo du in der heil. Schrift die Erhabenheit Gottes findest, dort findest du auch seine herablassende Güte." — Hiermit wirv wohl dieser Streit sein Ende erreicht haben-, und wir hätten hier nur eine Bemerkung zu machen, die wir allen rüstigen Kämpfern empfehlen möchten, nämlich die: in allen Repliken sich der möglichsten Kürze zu bedienen' und nur den eigentlichen Kernpunkt in gedrängter, schlagender Weise zu besprechen. Je weitläufiger und ausführlicher nämlich eine Entgegnung ist, desto leichter und mehr giebt sie dem Gegner Gelegenheit, irgend eine Nebensache oder irgend einen Satz herauszuheben, um durch Finten, Verdrehungen und Widerlegungen eine Erwiderung zu Stande zu bringen, welche einen scheinbaren Gegenbeweis führt. Gestatten Sie mir, Herr Redacteur, an die Art und Weise zu erinnern, in welcher Sie zur Zeit dem preußischen Abgeordneten Wagener und dem Minister von Bethmann-Hollweg entgegentraten, und die durch ihre Kürze und Beschränkung auf den Hauptpunkt eine Widerlegung ganz unmöglich machte und selbst dem vorurtheilsvollen Leser eine Wahl nicht übrig ließ. — Uebrigens wenn der Freimaurerbund so gewaltig auf seine Menschenliebe pocht, so möchten wir ihn fragen: wo denn eigentlich die Werke dieser Menschenliebe außerhalb seines eigenen Kreises zu gewahren seien. Wir haben uns ernstlich Mühe gegeben, solche aufzufinden, und haben sie nicht schauen können. Vielleicht wird uns hierüber anderswoher Aufschluß gegeben. Endlich ist es doch sonderbar, daß dieselben Freimaurer, welche soeben vom Papste eine Bannbulle erfahren haben, sofort eine solche gegen das Judenthum schleudern! Preußen. Berlin, 16. Nov. (Privatmitth.) Gestern fand in dem großen Saale der „Gesellschaft der Freunde" eine sehr zahlreich besuchte Versammlung behufs der Vorwahl der Repräsentanten Statt. Es waren nur Mitglieder der liberalen Partei erschienen, und verliefen so die Verhandlungen ziemlich ruhig. Jeder vorgeschlagene Candidat mußte erst hinreichend unterstützt werden, um auf die Liste zu gelangen. Die bekanntesten unter den vorläufigen Candidaten sind die vr. med. Jonas, vr. Bram, Rechtsanwalt Makower, Sanitätsrath vr. Oesterreich. — Auf den 18. Nov. haben wirklich liberale Mitglieder der Reformgemeinde, wie Leon. Reichenheim und B. Liebmann ihre Gesinnungsgenossen zu einer Wahlberathung berufen. — Außerdem hat auch die Partei der ausscheidenden Repräsentanten sich als „das jüdische Wahlkomits" konstituirt, ein langes Circulair und eine aus 25 Candidaten bestehende Wahlliste, die ausscheidenden Repräsentanten an der Spitze, drucken und vertheilen lassen. Das Circulair sucht vorzugsweise den sel. vr. Sachs als konsequent darzustellen, der nur den veränderten.Umständen (!) und dem verschiedenen Vorstand gegenüber zuerst für, zuletzt gegen eine Cultusreform gewirkt habe. Man will den Gottesdienst in völlig alter Weise erhalten, weil dieser „alle jüdischen Gemeinden der Erde mit einander verbinde," und die Einheit in der Gemeinde auch für die Zukunft erhalten würde. Sie wollen nur Veränderungen, welche von „vertrauenswürdigen jüdischen Gelehrten" (das sind doch wohl solche, welche jedenfalls nein! sagen) gebilligt würden. Der am 22. stattfindende Wahlkampf wird also ein sehr lebhafter werden. ' Berlin, 15. November. (Privatmitth.) Bei aller Lebhaftigkeit der Wahlbeweguug in hiesiger Gemeinde,