Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1865)
- Date
- 1865-11-28
- Page
- Seite 738 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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738 Dies ist auch der natürliche Entwickelungsgang, zu dessen Illustration hier ein Gleichniß stattfinden möge, welches der, für die Beseitigung der Vorurtheile gegen Juden und Iudenthum in gediegenen Gelegenheitsreden wirkende, gelehrte Kula-Verbaßer Bezirksrabbiner Dr. L. Straßer bei ähnlicher Veranlassung anwendete, und das, frei wieder gegeben, wie folgt lautet: „Gleichwie die erwärmenden Strahlen der am Firmament prangenden Sonne zuvörderst den auf den Höhen (der Gebirge) und erst nach geraumer Zeit den in unzugänglicheren Tiefen aufgehäuften Schnee schmelzen, ebenso üben die erleuchtenden Strahlen der Sonne der Aufklärung auch anfangs ihre Wirkung vornehmlich nur auf die in den Höhen des Geistes und Ranges Stehenden aus, und gehen von diesen erst allmählich zu den die Niederungen der geistigen und bürgerlichen Stufen bildenden Volksschichten über. So schmilzt nach und nach die Eiskruste der Vorurtheile, welche den warmen Strom echter Menschenliebe in den Herzen so Vieler gefesselt hält." Ja, von Oben kommt der Segen! Von unserem ritterlichen Monarchen ging bei Verleihung des Oktoberdiploms die Initiative zur Gleichberechtigung aller Confessionen des Kaiserreiches aus, und dieses hohe Beispiel wirkte ermuthigend auf die Vorurtheilsfreien und entmuthigend auf die Vorurtheilsvollen — darum können wir auch der baldigen günstigen Lösung dieser Lebensfrage der österr. Israeliten mit froher Hoffnung entgegensehen. Und nun wollen wir den seit unserem 1. Berichte lautgewordenen Simmen pro und contra gerecht werden. Ladislaus v. Koracsonhi lspr. Koratschonji)*) schon zum dritten Male mit der Obergespanswürde des Torontaler Comitats bekleidet, erwiederte dem, den Lesern dieser Blätter als deren Mitarbeiter bekannten Rabbiner Oppenheim in Groß-Becskerek — welcher an der Spitze des dortigen israel. Cultus-Vorstandes dem genannten edlen Würdenträger die Aufwartung machte, und das volle Vertrauen unserer Glaubensbrüder in die Gerechtigkeit der Landesvertretung ausdrückte, welche dieses Mal gewiß die gerechten Ansprüche der Nationalitäten und Confessionen befriedigen werde — „daß die Angelegenheit der Israeliten eine Frage der Gerechtigkeit sei, welche während der nächsten Landtagssession ge- *) Der in No. 44 genannte edelsinnige Graf und Obergespan des Arvaer Com. heißt nicht Kongräcz, sondern Pongräcz. wiß gelöst werden wird, und zu deren günstiger Lösung er sich selbstverständlich verpflichtet fühlte, das Seinige beizutragen." Zugleich bewies dieser allgemein verehrte Obergespan damit, daß seine. Gesinnungen, mit seinen Worten übereinstimmen, indem er auch Israeliten zu den Berathungen des Comitatsausschusses berief. Hier sei zugleich die Veranlassung benutzt, mitzuthei-" len, daß die Israeliten in Klausenburg, der Hauptstadt Siebenbürgens und Versammlungsort des am 23. d. M. zu eröffnenden Provinzial-Landtages, sowie in der, einige Stunden von hier entfernten k. Freistadt Neusatz das Stimmrecht erhielten (in letzterer Stadt wurde die Einladung zu den Wahlen in der Synagoge verlesen), und in der Stadt Mako, Hauptort des Csanäder Com. (spr. Tschanäder), sowie in mehreren anderen Städten Israeliten in den Comitatsausschuß berufen wurden. Freiherr Josef v. Ru dies (spr. Ruditsch), Obergespan*) dieses, nämlich des Bäcser Com., als solcher Mitglied des Oberhauses, sprach sich bereits in seiner im Jahre 1861 daselbst gehaltenen Rede mit aller Entschiedenheit für die Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Confessionen aus. Franz Deäk, bekanntlich der gefeierteste Mann des Landes, von den Wählern der inneren Stadt Pest's wieder zur Uebernahme der Deputirtenstelle aufgefordert, berief sich gegenwärtig bloß auf seine den Wählern bekannten politischen Grundsätze. Um aber die auf unsere Rechtsangesegenheit bezügliche Ansicht dieses ersten parlamentarischen Führers der Nation in weiteren Kreisen bekannt zu machen, respective die Erinnerung daran aufzufrischen, mögen die darauf Bezug nehmenden Worte seiner 1861er Adresse hier, treu übersetzt, reproducirt werden: „Wir wollen auf der Basis vollster Gleichberech- „tigung unser constitutionelles Leben entwickeln und sichern. „Wir wollen, daß hinsichtlich des vollen Genusses der „bürgerlichen Rechte weder Glaube noch Nationalität „zwischen den Bürgern dieses Vaterlandes einen Unterschied mache, und wünschen alle jene Verordnungen „unserer, Gesetze, die die volle Gleichberechtigung be- „schränken, noch auf diesem Landtage nach den Ansor- „derungen der Gerechtigkeit und Billigkeit zu modificiren." Colomann v. Tiß a, 1. Vicepräsident des 1861er Unterhauses, erster Stimmführer der mächtigen Beschlußpartei und einer der reichsten Grundbesitzer Ungarns, auch *) Dem ein Administrator als Stellvertreter beigem geben ist. -