Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1865)
- Date
- 1865-11-21
- Page
- Seite 730 (sequence 10)
- Language
- German
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-MMM 630 hiesigen Gemeinde würden von den Rednern beider Parteien mit vielem Eifer besprochen. Allgemein interessant war nur ein Umstand, der dabei zur Rede kam, weil er auf die Stärke der beiden Parteien ein neues Licht wirft. Einer der konservativen Redner warf den Liberalen vor, daß von den 1700 Unterzeichnern jener Reformen verlangenden Petition vor einigen Jahren wohl nicht alle wirklich auf dem Standpunkt besagter Petition stünden, da bei der letzten Repräsentantenwahl, an der sich nicht einmal 1700 Personen betheiligt hätten, die Konservativen den Sieg davon getragen. Daraus antwortete Herr Benjamin Liebermann sehr richtig, daß allerdings die Liberalen mit den meisten ihrer Kandidaten durchgedrungen wären, daß aber Letztere nachher — es ließen sich leicht Namen ansühren — in den leider nicht öffentlichen Sitzungen des Kollegs ganz anders gestimmt hätten, als man es von ihnen vorausgesetzt. Er benutzte diese Entgegnung, um dabei den dringenden Wunsch auszusprechen, die Repräsentantenberathungen öffentlich abzuhalten. Außer Herrn Liebermann sprach besonders noch Herr Kommerzienrath Leonor Reichenheim — der preußische Abgeordnete — mit großer Auszeichnung vom liberalen Standpunkte aus. Schließlich wurde der Antrag des Komit6s angenommen, als liberales Programm die 1700-Adresse aufzustellen.. In einer nächsten Versammlung sollen die liberalen Kandidaten bezeichnet werden. — Unser Ministerpräsident, Graf Bismark, befindet sich jetzt bekanntlich in Paris. Von dort machte er auch dem Baron Rothschild einen Besuch auf dessen Schloß La Ferriäre und jagte mit ihm in demselben Forst, in welchem vor einigen Jahren Rothschild dem Kaiser Napoleon dasselbe edle Vergnügen bereitet hatte. Oesterreichischer Kaiserftaal. Lemberg, 5. Nov. Der Gras Goluchowski ist zum Landtagsabgeordneten gewählt worden. In der letzten Stunde haben auch viele Juden sich bestimmen lassen, ihm ihre Stimmen zu geben. Man erwartet, daß er zum Statthalter von Galizien ernannt werde. Pest, 1. November. -Die „N. fr. Pr." schreibt: Bekanntlich ist die Aufnahme der israelitischen Confession unter die in Ungarn recipirten Confessionen in den 1848er Gesetzen zufällig „vergessen" worden, und befinden sich daher die Israeliten heute noch ohne Wahlrecht. Um nun den unabweislichen Forderungen des Zeitgeistes wenigstens nothdürftig Rechnung zu tragen, sind einige Wahl-Kommissionen, wie ich höre, auf das Auskunftsmittel verfallen, diplomirte Advokaten und Aerzte, auch wenn sie israelitischer Konfession sind, zur Wahl zuzulassen, indem sie entweder annehwen, daß die im Eingänge des Wahlgesetzes enthaltene allgemeine Bestimmung durch den späteren Paragraph, der allen diplomirten Aerzten und Advokaten das Wahlrecht zuspricht, eine Einschränkung erlitten habe, oder die Frage nach der Konfession ganz umgehen und dem betreffenden Wähler es selbst überlassen, sich mit den gesetzlichen Bestimmungen abzufinden. Im 1861er Reichstage ist übrigens in einem einzelnen Falle die Rechtsgiltigkeit einer Wahl, gegen die Protest erhoben ward, weil eine Anzahl Israeliten mitgestimmt, anerkannt worden, „umsomehr", wie es in dem Votum hieß, da Sie Zahl dieser angefochtenen Stimmen das Resultat der Wahl in keinem Falle alterirt haben würde. Ob indeß trotz dieses „umsomehr" der damalige Reichstag ebenso entschieden haben würde, auch wenn die israelitischen Stimmen auf die Entscheidung der Wahl von Einfluß gewesen wären, und ob auch der zusammentretende in einem solchen Falle ebenso entscheiden würde, muß doch sehr bezweifelt werden. Budin (Böhmen), 3. November. Der „N. fr. Pr." schreibt man: Es wurde seiner Zeit mitgetheilt, daß aus den Ueberresten der böhmisch-jüdischen Steuerpachtgelder, welche circa 300,000 fl. betragen, ein jüdisches Landes-Waisenhaus gegründet werden sollte, daß sich die Vertreter der böhmischen Landes-Judenschaft mit jenen der Prager CultuS-Repräsentanz über die Principien der Verwaltung nicht einigen konnten, und daß Letztere um eine Theilung des Vermögens derart angesucht, daß nach dem Verhältnisse wie 1 : 2 dieselbe mit ihrem Drittt'heile selbstständig verfahren und eine statutarisch den a. h. Namen führende besondere Waisenanstalt gründen könne. Man hielt anfangs von Seite der Repräsentanz der böhmischen Landes-Judenschaft eine solche Trennung für eine Unmöglichkeit, als man aber später erfahren, welchen Scharfsinn und welche geistige Thätigkeit der Anwalt der Prager israelitischen Cultus-Repräsentanz, Dr. Wiener, bei der Dar-, legung der Gründe entwickelt, die eine solche Trennung