Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1865)
- Date
- 1865-11-21
- Page
- Seite 729 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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729 „wissenschaftlicher Capacität" stehen blieb, wenigstens nicht solcher, die sich der Welt bereits in der Literatur erwiesen hat. Doch dies liegt nun hinter uns, und es kommt Alles auf die Wahlen an. Wir glauben nicht, daß die neue Repräsentanz die Forderung von Probepredigten der Candidaten aufgeben werde. Die beiderseitigen Veröffentlichungen haben diese in der Gemeinde um so unbedingter hervorgerufen. — Die königliche Central-Commission für die 1867 in Paris zu veranstaltende Ausstellung hat den Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde ersucht, ein Modell der neuen Synagoge anfertigen und dasselbe für die Ausstellung, anmelden zu lassen. Der Vorstand wird diesem Wunsche Nachkommen. Die Anfertigung des Modells kostet 200 Thlr. Das Bauwerk selbst gehört bekanntlich zu den bedeutendsten seiner Art und wird auch von Architektur-Malern ausgenommen. Berlin, 9. Nov. (Privatmitth.) Die Repräsentanten-Ergänzungswahl findet am 22. d. M. Statt. Von den 21 Repräsentanten scheiden 10 aus, von den 7 Vorstandsmitgliedern 3, sowie sämmtliche Stellvertreter beider Collegien. — Der durch sein Werk über Nierenkrankheiten rühmlichst bekannte Privatdocent der hiesigen Universität, Herr vr. Ros enstein, Sohn des hiesigen Rabbinats- Assessors Herrn E. Rosen stein, hat von der holländischen Regierung einen:, sehr ehrenden Ruf nach der Universität Gr ö ningen als ordentlicher Professor der medieinischen Klinik erhallen und angenommen. — ch. Berlin, den- 6. Novemb. (Privatmitth.) Die Wahlbewegung in der hiesigen Gemeinde beginnt jetzt festere Formen anzunehmen, indem mehrere Male in der Woche Vorversammlungen zum - Berathen über die Wahlen stattfinden. Es scheint aber, daß diese Vorberathungen zu Allem eher, als zur Einigkeit führen werden, da sich auch bei ihnen die Parteien schroff einander gegenüberstellen, wobei eS denn natürlich auch an recht erregten Debatten nicht fehlt. Jene Führer der Orthodoxen, welche ihre eigene Lebensweise gänzlich und oft so weit reformirt haben, daß sie ganz außerhalb des Judenthums stehen, wurden nun aufgefordert, doch einmal die Gründe für ihre auffallende Handlungsweise anzugeben. Da brachten sie denn folgende Argumentation zum Vorschein: „Wir persönlich geben allerdings nichts auf Ueberlieferung und Ceremonie; aber wir sind ja nicht als Einzelne gewählt, sondern als Vertreter der ganzen Gemeinde; und da in dieser unserer Meinung nach das orthodoxe Element überwiegt, so müssen wir auch für letzteres vorzüglich Sorge tragen." Diese Herren scheinen wirklich trotz ihres sonstigen Liberalismus keinen Begriff vom Wesen des Repräsentativsystemes zu besitzen: sonst würden, sie wissen, daß der Deputirte keine Abstimmungsmaschine ist, sondern darum abgeordnet wird, weil nach der Meinung seiner Mandanten seine Ansichten die richtigen und für das Wohl des Ganzen nützlichen sind. Ein Abgeordneter kann also keinen schlimmem Fehler begehen, als den seiner Ueberzeugung entgegen zu reden und abzustimmen. — Während viele Gläubiger der durch den Häusereinsturz in der Wasserthorstraße Beschädigten dieselben hart bedrängen und ihnen mit Schuldarrest u. s. w. drohen, hat sich ein Mann jüdischen Glaubens durch seinen Edelmuth bei dieser Gelegenheit ausgezeichnet. Er hatte mit einem dort wohnenden Tischler schon lange Geschäftsverbindungen, und gerade war wenige Tage nach dem Unglück ein Wechsel des Tischlers, auf 1ß0 Thaler, der sich in Jenes Händen befand, fällig'. Der Gläubiger fand den Handwerker in tiefer Betrübniß auf den Trümmern umherirren und legte ihm den Wechsel mit der Frage vor, ob er ihn bezahlen könne. „Sie sehen", antwortete ihm der Tischler tiefbewegt, „in welcher Lage ich mich befinde." Da zerriß der Gläubiger den Wechsel vor den Augen des Ueberraschten, steckte ihm noch einen Fünfundzwanzigthalerschein in die Hand. und sprach: „So, jetzt lindern Sie nur Ihre Noth, später werden wir schon wieder Geschäfte mit einander machen." So berichtet die „Breslauer Zeitung" und die „Tribüne". Berlin, 9. Nov. (Privatmitth.) Gestern fand im Lokale des „Vereins der Freunde" eine Versammlung von Gemeindemitgliedern, einberufen von dem liberalen Wahlkomits, statt. Es hatten sich auch Orthodoxe in großer Zahl eingefunden, und so mochten wohl 900 —1000 Personen zusammengekommen sein. Zum Vorsitzenden wurde Rechtsanwalt Meyer bestellt, welcher die oft heißen Debatten mit großer Unparteilichkeit leitete. Im Ganzen bewegtesich die Diskussion auf dem Gebiete der lokalen Interessen, die bekannten prinzipiellen und persönlichen Gegensätze im Schooße der 47