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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-11-21 · Heft 47 (21.11.1865) · p. Seite 724

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 47 (21.11.1865)
Date
1865-11-21
Page
Seite 724 (sequence 4)
Language
German
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724 hält.) Von solcher Naivetat ist der Herr Rodrigues! Aber noch naiver und zu einer wahren Geßner'schen Idylle wird er, da er sich nicht mit dieser Negation begnügt, sondern selbst einen neuen Gottesdienst für Tempel und Haus aufstellt. Borgeschriebene Gebete verwirft er. ganz; höchstens läßt er sein „religiöses Oberhaupt", denn ein solches behält er für jede Gemeinde doch bei, ein ganz kurzes recitiren; sondern Jeder betet für sich, was er will. Lobsprüche auf Gott und Bitten zu Gott hält er für Blasphemien und das Ganze reducirt sich auf Bekenntniß der Fehler und Sünden vor Gott. Nach diesem stillen Gebet hält „das religiöse Oberhaupt" einen Vortrag und dann beginnen musikalische Aufführungen, die jedoch nur in vollendetster Weise geschehen dürfen. Dann tritt die Familie zum Familienvater und er segnet sie. Hierauf verläßt man das Gotteshaus, der Vater muß voranschreiten, die Familienmitglieder folgen der Reihe nach dahinter — so gelangt man nach Hause. Hier hält jeden Tag der Vater und die Mutter den Kindern einen Fehler vor und mahnen sie, ihn abzulegen; wie dann auch Jeder die Pflicht hat, an jedem Tage einen Fehler zu bekennen. Der Raum gestattet uns nicht, diese interessante Neugestaltung, wie es Herr Rodrigues thut, durch alle Lebensakte, wie Geburt, Tod und Hochzeit hindurchzuführen. Auch ist es wohl unnöthig, eine weitere Erörterung vorzunehmen. Wir haben eben nur das Werk charakterisiren wollen, um unseren Lesern von den sonderbaren Produkten, die jenseits des Rheines zum Vorschein kommen, Kenntniß zu geben, welche doch nichts Anderes als ein Ergebniß der dortigen Stabilität sind. In Deutschland sind dergleichen nicht trotz, sondern wegen der „Reformer" unmöglich. Nur bemerken wollen wir, daß Hr. Rodrigues trotz Allem nicht sehr bibelfest zu sein scheint, sonst hätte er wohl schwerlich (p. 10) dem Matth. 6, 16 zugeschrieben, was die Worte des Jesaias an der sehr bekannten Stelle (die Hapht. von Jom Kippur) 58, 5 u. s. w. sind, während sie an der citirten Stelle des Matth, gar nicht vorhanden. Wenn er (p. 21) als Worte von Moses anführt: „Was liegt an dem Gebete? Die That ist es, welche ich verlange", so möchten wir den Vers, fragen, wo er diese Worte von Moses gefunden hat? Wie wir hören, hat sich Herr Rodrigues mit den Herren Munk und Franck zu einer literarischen Gesellschaft verbunden. Auch dies ist ein Zeugniß seines Eifers und Interesses für die Sache des Judenthums, und hoffen wir, daß er in der Genossenschaft solcher Männer das rechte Ziel finden werde. Literarischer Wochenbericht. Frank furt a. Main, im Nov. Ueber die neuesten Erscheinungen in der hebr. Literatur. 1. Bikkurim, hebr. Jahrbuch, von Keller. 2. Jahrgang. Der vorliegende Jahrgang der Erstlinge war bereits zur Reife gelangt, dem Herausgeber war cs aber nicht beschicken, die Frucht zu pflücken und seine Artikel waren sein Schwanengesang, den er vor seinem Verscheiden anstimmte. 'Diese, sowie seine früheren Arbeiten rechtfertigen den Schmerz, dem selbst ihm Fernstehende über seinen frühzeitigen Tod empfinden. Unsere Zeit ist so ungünstig für einen kräftigen Nachwuchs,, daß jeder gefällte Baum eine Lücke hinterläßt, die nicht ausgefüllt werden kann. A war auch unseres Wissens der Erste, der es versuchte, hebr. Novellen zu schreiben und die hier mitgetheilte „die unglückliche Eheverbindung" kann den besten in der deutschen Literatur an die Seite gestellt werden. Mit vielem Geschmack und ergreifender Gemüthlichkeit schildert er das jüdische galizische Familienleben in fein abnormen Zuständen, wobei der Chassidäismus mit beißendem Spotte gegeißelt wird. Die Charakeriftik der auftretenden Personen ist aus dem Leben genommen, die Handlung und Entwickelung höchst spannend und die Sprache ein so klassisches Hebräisch, daß man kaum die Germanismen wahrnimmt, welche bei Anwendung klassischer Ausdrücke, wie z. B. die Tobten reiten schnell und ähnliches, gewöhnlich nicht zu vermeiden sind. — Von wissenschaftlicher Bedeutung sind seine eingehenden Recensionen, wobei er auch einen berühmten Bibliographen wegen seiner Verhöhnung deS „literarischen Dilettantismus" gebührend zurückweist. — Weiß stellt sehr nützliche und lehrreiche Grundzüge zum Studium des Talmuds auf. Die Urquellen des Talmuds, wie Mechilta, Sifre u. s. wsagt, er, sind deshalb im 1. öabli nicht so korrekt wie im ^erugebalmi wiedergegeben worden, weil diese Quellen in Palästina verfaßt und durch die zeitweise dorthin gewanderten Babylonier unvollständig und ungenau durch mündliche Mittheilung in Babylonien eingeführt wurden, wodurch so manche überflüssige Controversen entstanden seien. In seiner Ausgabe der Mechilta hat W. an sehr vielen Stellen dies nachgewiesen und auch hier giebt er mehrere Beweise dafür. Das geeignetste Hilfsmittel zur Erklärung des Talmuds sind die Parallelstellen und eine

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