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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-11-21 · Heft 47 (21.11.1865) · p. Seite 723

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 47 (21.11.1865)
Date
1865-11-21
Page
Seite 723 (sequence 3)
Language
German
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jener geht dabei durchaus nicht prinzipiell zu Wege; sie halten die Satzungen nicht, weil sie aus Reformgründen ihnen entgegen sind, sondern weil ihre Lebensverhältnisse davon beengt würden, und sie an die verpflichtende Kraft derselben nicht mehr glauben. Dies ist der wirkliche Zustand der Dinge, und weder sind die sg. Reformer daran schuld, noch können deren Bestrebungen als gescheitert ausgegeben werden, wahrend diese in ihrem wahren Zweck und Inhalt der bedeutendsten Wirkung sich rühmen können. Wenden wir nun von diesem Gesichtspunke aus uns zu dem, was zunächst der Gegenstand unserer Betrachtung sein sollte. Die Synagoge in Frankreich ist vorzugsweise stabil. Es ist außer sehr geringer Versuche in ihr Alles beim Alten geblieben. Selbst die Predigt konnte sich in ihr noch nicht heimisch machen, wenn auch an diesem und jenem Festtage hier und da eine Rede gehalten wird. Es kann uns dies nicht Wunder nehmen. In Frankreich ist die Synagoge wie alle kirchlichen Institute offiziell, und das Offizielle ist in Frankreich stabil. Es ist dies trotz des beweglichen Charakters der Franzosen und der mehrmaligen Revolutionen kein Paradoxon, sondern Thatsache. Ferner besteht die französische Synagoge aus dem Elsaß und dem portugiesischen Theil. Beide aber sind stabil. Da man jetzt zur Wahl eines Großrabbinen des israelitischen Centralkonsiftoriums schreitet, hat, wie man uns meldet, der Rabbiner von Colmar, Herr Klein, allein Aussicht, weil er — nicht wir behaupten es, sondern man schreibt es — der allein zu diesem Amte Befähigte ist, und Herr Klein ist ein Herold der Stabilität. Daß Herr Klein der allein Befähigte ist, kann auch nur als ein Erfolg der Stabilität angesehen werden, trotzdem man eine französische Rabbinerschule seit mehr als dreißig Jahren hat. Demungeachtet thut sich eine Bewegung in den Geistern der französischen Juden kund. Es ist bekannt, daß in den letzten Jahren sich überhaupt in Frankreich eine religiöse Bewegung manisestirt hat. Wir haben hier die Momente, aus denen sie entsprungen, nicht zu erörtern. Aber man darf nicht sagen, daß sie von den Werken Renan's und seiner Gleichgesinnten hervorgerufen worden; vielmehr ist es umgekehrt der Fall. Ebensowenig darf man behaupten, daß die religiöse Bewegung in den französischen Juden von der in der übrigen französischen Welt bewirkt worden, sondern die erstere scheint der letzteren noch um Etwas vorhergegangen zu fein. Sie begann mit den Werken Salvador's, der jedoch eines Erfolges lediglich in dem socialen, vorzugsweise juridischen Theile der jüdischen Institutionen sich rühmen kann. Ihm reihte sich zunächst der in reinster Begeisterung für die Lehre des Judenthums glühende Levy-Bing an. Dann trat Alexander Weill auf, welcher mit der einen Hand die Lehre des Mosaismus glorifizirte, mit der andern in sonderbarster Weise verstümmelte und verkehrter Die erste Vorlesung Munk's machte einen tiefen Eindruck, und ihr schließen sich einige Reden Crsmieux' an. In diesem Augenblicke haben wir nun ein dickleibiges Buch (338 S.) vor uus, „1.68 trois Mes de la bible par Hippolyte Rodrigues, Deuxi&me Edition. Paris, Micliel Levy, 1866". Die erstgenannten Schriftsteller haben es allein mit den Prinzipien und der Theorie des Judenthums zu thun, Herr Rodrigues hingegen versetzt sich auf das praktische Feld. Derselbe gehört der hohen Finanz an, hat sich aber jetzt vom Geschäfte zurückgezogen und wendet seine Muße und reichen Mittel der jüdischen Literatur zu. Dies ist gewiß anerkennens- und dankenswerth. So ist auch die eben erwähnte Schrift so splendid ausgestattet, wie wir ein ähnliches Werk gesehen zu haben uns nicht erinnern. Wir sprechen es auch mit Vergnügen aus, daß derVerf. von einer so edlen Begeisterung erfüllt ist, daß sie uns nur Hochschätzung für seine Person einzuflößen vermag. Welches sind nun die Ansichten des H. Rodrigues? Er erhebt die Fahne des einzig-einigen Gottes hoch auf und pflanzt sie auf die Höhe der Menschheit als die alleinige und unbedingte Wahrheit. Diese Wahrheit allen Völkern des Menschengeschlechtes zu lehren, erkennt er als die Mission des jüdischen Stammes an. Gut. Was will er aber nun weiter? Unter den „drei Töchtern der Bibel" versteht er das Judenthum, Christenthum und den Islam. Es sei nun die Zeit gekommen, meint er, daß die Juden die Lehre vom einzig-einigen Gotte auch wirklich auf die übrigen Völker übertrügen. Und um dies thun zu können, sollen die Juden alle Satzungen und Formen ihrer Religion über Bord werfen, und damit alle Schwierigkeiten beseitigen, welche die Völker verhindern, sich zum Judenthume zu bekennen. Die Beschneidung, die Speisegesetze, der ganze Cultus sollen abgeschasft, von den Festen nur der Versöhnungstag beibehalten und der Sabbaih auf den Sonntag verlegt werden! (Ob in den mohammedanischen Staaten auf den Freitag? spricht der Verf. nicht aus, vermuthlich weil er von den drei Töchtern nur auf einigen Seiten das Chriflenthum bespricht und den Islam sich noch vorbe- 46*

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