Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1865)
- Date
- 1865-11-21
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
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schuß darbietet — der wird in jene Klagen nicht unbedingt einstimmen. Aber gesetzten Falles, jene religiöse Lauheit fände unter uns in dem Maaße statt, wie es diese Ankläger, deren Motive ganz wo anders liegen, behaupten: so wäre es kindisch, dafür die jüdischen Theologen und Literaten, welche die Stabilität des Judenthums bekämpfen, verantwortlich zu machen. Der religiöse Indifferentismus hat seine eigentliche Quelle in dem allgemeinen Geiste der Zeit, der, herausgeschritten aus den 'engen Mauern der blinden Gläubigkeit und Formheiligkeit, theils mit Ernst nach innerer Ueberzeugung, wie sie aus freier Forschung erfließt, strebend, theils mit Leichtfertigkeit der materiellen Richtung, der industriellen Beeiferung, der politischen Regsamkeit und der frivolen Genußsucht sich ergebend, mit der überkommenen Satzung und dem überlieferten Dogma gebrochen hat, die Religion in ganz anderer Weise auffaßt und sich in ganz anderer Weise zu ihr verhält. Dieser Geist der Zeit beherrscht alle Confessionen und mit dem . Eintritt der Juden in das allgemeine Kulturleben drang er auch bei diesen ein. Nicht die Männer, von Mendelssohn einschließlich bis zum heutigen Tage haben die aus dieser Leit- und Bildungsrichtung der civilisirten Welt hervorgegangenen Zustände geschaffen, bewirkt und hervorgerufen.' Vielmehr haben sie das gerade Gegentheil angestrebt und, soweit es Menschen gegeben ist, erreicht. Sie haben an der Vergeistigung des Iudenthums gearbeitet, ihm neues Leben einzuflößen, es aus der Erstarrung, in die es verfallen gewesen, zu wecken, seine Geschichte aufzuhellen und bewußt zu machen, seine weltgeschichtliche Aufgabe und Bedeutung klar zu legen und als eine neue Erkenntniß in die Geister zu verpflanzen, es mit dem Culturleben der Menschheit auszugleichen und als einen der wichtigsten Faktoren desselben anerkennen zu machen, und so aus der Mißachtung, in die es nicht allein bei den Außenstehenden, sondern auch bei einem großen Theile seiner Bekenner gerathen war, zu retten. Dies und nur dies allein yar Pie Aufgabe, die sich alle die Männer gestellt hatten, welche mit mehr oder weniger Entschiedenheit der Stabilität und Unwissenheit, der Unbildung und Formerstarrung sich entgegenstellten, und die man dafür im Ganzen mit dem Namen „Reformer^ belegte, einem zweideutigen Namen im Sinne der Menge, wenn auch nicht in seiner wahren Bedeutung. Mag es nun wahr sein, daß eine nicht geringe Zahl der jetzigen Juden, aber wahrlich nicht in Deutschland allein, sondern in allen civilisirten Ländern von religiösem Indifferentismus ergriffen sind: so ist es gerade das unsterbliche Verdienst aller dieser Männer, diesem entgegen zu arbeiten, ihn aus den Gemüthern wieder zu verbannen, und durch eine neue feste Fundamentirung das Gebäude des Judenthums'aufrecht zu erhalten. Sie suchten das Problem zu lösen, an welchem auch die Heroen der spanischen Epoche gearbeitet, zu zeigen, daß Iudenthum und Cultur keine sich widersprechenden Dinge sind, vielmehr jenes eine der Hauptquellen dieser von Alters her und für die Zukunft ist, und es ist ihnen dieses trotz alles Widerstrebens von innen und außen, glänzend gelungen. Und nun frage man sich: was ohne diese Männer und ihr begeistertes und rastloses Wirken geschehen wäre? was der Erfolg gewesen, wenn dem gegenwärtigen Leben, der Bildung und, Entwickelung gegenüber nichts weiter stände, als das stabile Judenthum früherer Jahrhunderte? Diese Erwägung allein entscheidet schon die ganze Frage, und erweist die ganze Lächerlichkeit jener-oben erwähnten Beschuldigungen. Nein! wenn es der Zeitrichtung gegenüber noch eine besondere Ursache des Jndifferentismus giebt, so ist diese allein die hartnäckige, starre Stabilität selbst, welche zahlreiche Gemüther abstößt und dem Judenthume entfremdet, und, sagen wir es offen, würde dieser unter uns wieder herrschend werden, so könnten nur die traurigsten Folgen daraus ersprießen, und der eisige Todeshauch, der von ihr ausgehl, würde zahllose Reiser an dem Baume des Judenthums ersticken! - Aber wir haben noch Etwas anzuführen. Was ist eigentlich reformirt worden? Sehen wir von einigen Extremen ab, die keinen wirklichen Boden gefunden, so beschränkt sich die ganze Reform, von der man so viel Wesens macht, auf einige Verbesserungen des öffentlichen Gottesdienstes. Man hat Predigt und Chorgesang, hier und dä auch die Orgel eingeführt, einige Piutim weggelassen, hier und da auch einige deutsche Gebete eingeschoben — dies ist Alles. Weder das Sabbathgesetz, noch das Ehegesetz, noch das Speisegesetz, noch irgend ein anderes ist reformirt worden, und man hat es nicht einmal soweit gebracht, die notorisch in manchen Fällen, gefährliche und nach den Ansichten der heutigen Wissenschaft zur Blutstillung unangemessene Mezizah bei der Beschneidung außer Gebrauch zu bringen. Was spricht man also von Reformen, die gar nicht vorhanden? Wenn eine sehr große Zahl von Juden die überkommenen Satzungen nicht mehr hält, so ist das Leben daran Schuld, nicht die Reform. Die ungeheure Mehrzahl