Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1865)
- Date
- 1865-11-14
- Page
- Seite 713 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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m 713 dazu braucht man lange Zeit, es wird aber doch einmal dazu kommen,' daß, wie ehemals jener Römer mit Stolz sagte: „Civis romanus sum“, auch der hiesige Jude wird mit Stolz sagen können: „Civis leopoliensis sum“. Der Redner stellte keinen präcisirten Antrag, er überließ es den Christen selbst, zu entscheiden, wie viele Israeliten verhältnißmäßig zum Gemeinderathe zugelassen werden sollten. Die Rede deS Herrn Dubs wurde mit Applaus ausgenommen. In gleichem Sinne sprachen die israelitischen Gemeinderathe Herren Dr. HönigSmann und Dr. Landesberger. Herr Kolischer wies darauf hin, daß diese Ziffern, 85 und 15, vor dem Gesetze unhaltbar sind. Bon den christlichen Gemeinderaths-Mitgliedern sprach am meisten und am reactionärsten Herr Boczkowski, und trachtete zu beweisen, daß der Zeitgeist, auf den sich die israelitischen Redner beriefen, nicht vorwärts, sondern rückwärts schreite, und daß man gar nichts mehr machen könne, als was man gemacht hat, nämlich daß man diesen 15 Israeliten Platz im Gemeinderathe einräume. Unser Gemeinderath war leider derselben intoleranten Ansicht, denn alle zum Vortheile der wenigstens theilweisen Gleichberechtigung gestellten Anträge, ja sogar der von Herrn Wild, dem einzigen s!) christlichen Gemeinderaths-Mitglied^ welcher zu Gunsten der Israeliten sprach, gestellte Vermittlungsantrag, man möge nicht 15, sondern 18 Israeliten zum Gemeinderathe zulassen, wurde verworfen. Nebst den israelitischen Gemeinderäthen stimmten von den anwesenden 60 Christen kaum 10 zu Gunsten der Juden. Hierzu macht die Redaktion der N. fr. Pr. folgende Bemerkung: „Und trotzdem proclamiren sich die Polen bei jedem Anlasse als die besonderen Vorkämpfer der freiheitlichen Zeit-Ideen und fordern von dem liberalen West-Europa die speciellste Berücksichtigung." iUud wir erinnern an die Verbrüderung! der Polen mit den Juden in Warschau.) Prag, 27. Oktober. (Privatmitth.) Wie in Ungarn und Galizien, so bleiben unsere Glaubensgenossen als solche auch in Böhmen, namentlich in Prag von der Wahlbewegung für den Landtag nicht unberührt. Es kann dies auch nicht anders in Ländern sein, wo die Nationalitäten gerade bei dieser Gelegenheit in Kampf treten. Hier entsteht die Frage: zu welcher Nationalität die Juden sich zählen? zur deutschen oder magyarischen? zur deutschen oder polnischen? zur deutschen oder czechischen? In gewöhnlichen Zeiten, oder wann es etwas zu bewilligen oder zuzugestehen giebt, werden wir Juden von allen diesen Nationalitäten zurückgestoßen und als Fremdlinge bezeichnet. Wenn aber irgend ein Vortheil von uns zu gewinnen ist, dann will eine jede derselben uns als ihr Eigenthum beanspruchen, und erinnert und verwarnt uns, daß wir ja keinem andern Elemente der Bevölkerung uns angehörig glauben und anschließen sollen. Es versteht sich, daß, ist erst der Sieg erfochten, alle Verheißungen vergessen und wir in die frühere Linie wieder zurückgewiesen werden. Hierdurch geschieht es leider, daß wir Juden gerade in solchen Zeitpunkten in eine schiefe Stellung gedrängt werden, nämlich außer den politischen und nationalen Motiven auch noch das Utilitätsmoment von unserem eigenen Standpunkte aus berücksichtigen zu müssen. Denn einerseits kann man doch nicht von uns verlangen, daß wir Juden allein von der ganzen Bevölkerung des Landes von allen, für uns so bedeutsamen, ja entschiedenen Interessen absehen und mit Aufopferung unserer selbst einem einzigen Motive huldigen sollen, das am Tage nach dem Siege uns sofort wieder feindlich ist; andererseits vertreten wir das Prinzip der Gleichberechtigung, dieser höheren Einheit aller Landeskiuder bei der vorhandenen Glaubensverschiedenheit — es ist dies unsere Mission in der modernen Zeit, und wir haben auch gegen sie unsere Pflicht zu erfüllen. Wir in Böhmen nun hätten eine andere Stellung als unsere Glaubensbrüder in Ungarn und Galizien. In Ungarn sind sie noch von der Wahl ausgeschlossen, sie. haben hier also keinen direkten Antheil, und sie sind daher an dem Resultate der Wahlen faktisch eben nur als Ungarn betheiligt, als Juden in so weit, daß sie Abgeordnete wünschen müssen, welche für die Aufhebung jener Ausschließung stimmen werden. In Galizien, wo sie das Wahlrecht haben, sind sie anderweitig noch sehr wesentlicher Rechte beraubt, und sie können daher, indem sie zugleich der Nationalpartei angehören, doch nur für Candidaten stimmen, welche die Gleichberechtigung durchzuführen entschlossen sind. In Böhmen aber sind die Verhältnisse zumeist geordnet, und die Juden hätten als solche daher kein besonderes Interesse zu vertreten und zu berücksichtigen, sie wären nichts weiter als Bürger, als Individuen, die sich nach ihrer Ueberzeugung als Einzelne auf diese oder jene Seite zu stellen hätten. Dies vergönnt man ihnen aber nicht. Die Deutschenmachen hier nicht, 46