Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1865)
- Date
- 1865-11-14
- Page
- Seite 712 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226520--23479-3250791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dem hier zu erbauenden Gotteshause nicht nur ,,Beten", sondern auch „Patriotismus und Anhänglichkeit an unfern geliebten König und an die Nation" lernen sollte. Hierauf wurde durch den Herrn Obergespan die Grundsteinlegung vorgenommen und abermals hielt Herr Rabbiner Ehrlich eine Schlußrede, in welcher er den anwesenden Würdenträgern und allen sonstigen Theilnehmern am Feste im Namen der Gemeinde dankte. Mit einem warmen Händedrucke verabschiedete sich nun der Herr Obergespan vom Rabbiner Ehrlich und bat ihn, die Gemeinde seiner Wohlgewogenheit zu versichern. Das Wiedererwachen des neuen konstitutionellen Lebens in Ungarn scheint auch auf die noch nicht gleichberechtigten Israeliten einen ungünstigen Rückschlag auszuüben. Schon von mehreren Gemeinden wurde uns berichtet, daß es an den letzten Feiertagen im Tempel zu handgreiflichen Ausschreitungen gekommen ist. In Neutra sollen sogar 2 Israeliten im Tempel getödtet worden sein* *) und in dem benachbarten Borhhad wurde der Ex-Vorsteher am Simchas- Thora so arg mißhandelt, daß er nun das Bett zu hüten gezwungen ist. In einer Gemeinde in unserer nächsten Nähe wurde der 2. Vorsteher, Herr Jacob Wertheim, der sich Verdienste um die Gemeinde erwarb, im Tempel arg, sehr arg beschimpft. Wann wird endlich die Synagoge nicht mehr zum Tummelplätze der gemeinsten Jnvectiven gemißbraucht werden? — Lemberg, 27. Oktober. Ueber die beiden, die hiesigen Israeliten so sehr beschäftigenden Angelegenheiten, die Wahl des Landtagsabgeordneten und das Stadtgemeindestatut fahren wir fort, nach den Mittheilungen der „N. fr. Pr." zu berichten: Was das gegenseitige Verhältniß der Parteien anbelangt, kann ich heute nur wiederholen, daß wir hier blos zwei Parteien haben, nämlich die christliche und die jüdische. Beide werden für einen Candidaten der Nationalpartei stimmen; was aber die Person, desselben anbelangt, werden sie nicht einig werden, denn die Israeliten sehen im Grafen Goluchowski, für den die *) Nach uns. zugekommenen Berichten ist dies eine böswillig verbreitete Unwahrheit. Judenfeindliche Blätter haben sich dieser Lüge gefreut und antireligiöse, wie Le libre Examen haben darüber triumphirt. Der Triumph hat, wie man sieht, schnell ein Ende erhalten. - Die Redaction. christliche Bürgerschaft theilweise und die große Mehrzahl der Beamten stimmen wird, einen Judenfeind; in Dr. Rodakowski hingegen sehen viele unserer Wähler einen zu weitgehenden Anwalt der Juden-Emancipation. Endlich, und das ist die Hauptsache, betrachten viele Wähler die Wahl Goluchowski's bei den gegenwärtigen Verhältnissen als eine politische Nothwendigkeit, als eine conditio sine qua non, und sind der Ueberzeugung— Worin man sich meiner Ansicht nach stark irrt — daß der Wahl Goluchowski's zum Landtags-Abgeordneten Lembergs seine Ernennung zum Statthalter Galiziens unumgänglich folgen müsse. Man glaubt daran, weil man es wünscht. Die jüdischen Wähler haben Sonntags und Montags mehrere Vorberathungen gehabt und einstimmig beschlossen, die Candidatur Di*. Rodakowski's mit allen Kräften zu unterstützen. — In der gestrigen Gemeinderaths-Sitzung kam einer der heiklichsten Paragraphe des projektirten Gemeindestatuts zur Verhandlung, nämlich der Paragraph über die Zahl der Christen und jene der Juden, welche im Gemeinderathe Platz nehmen sollen. Der Entwurf stellt die Zahl der Gemeinderäthe auf 100, wovon jedoch nur fünfzehn Israeliten sein sollen. Man war auf einen hitzigen Kampf vorbereitet, da es sich hier um die praktische Anwendung des vom Gemeinderathe ausgesprochenen Grundsatzes der Gleichberechtigung handelte; daher versammelten sich die Gemeinderaths-Mitglieder in großer Zahl, und sowohl die Journalisten-Loge, wie auch beide großen Galerien waren vom Publikum an gefüllt. Die israelitischen Gemeinderäthe traten überaus reservirt und besonnen auf, und treu dem vor wenigen Tagen bei Beginn der Berathungen über das Statut ausgesprochenen Vorhaben, alles Mögliche zu thun, um die Eintracht mit den christlichen Mitbürgern zu erhalten, verlangten sie wirklich nur kleine Concessionen. - Das Gemeinderaths-' Mitglied und Lemberger Landtags-Abgeordneter Marcus Dubs (Israelit) setzte in einer, wie seine Gegner eingestehen, schönen, correct polnisch gehaltenen Rede auseinander, warum die Juden eine vollständige Gleichberechtigung im Gemeinderathe nicht einmal verlangen. V,or 17 Jahren, im Jahre 1848, ließ man uns — sagte er — zum erstenmale in diesen Saal hier ein. Für einen Menschen ist das eine lange Zeit, für ein Volk, für die Geschichte nur ein Augenblick. Langsam und stufenweise schreitet die Menschheit vorwärts. Das gegenseitige Mißtrauen läßt sich, nicht wegdisputiren,