Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1865)
- Date
- 1865-11-14
- Page
- Seite 710 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Itch der Zuflüsse, die ihm von Privaten bisher zu lTheil wurden, bedeutend benachtheiligt. Dieser Verein besteht zwar noch, besitzt auch ein kleines Grundkapital; eine große Zukunft aber kann demselben unter den angebenen Verhältnissen nicht prognosticirt werden. Wie aus obiger kurzen Zusammenstellung hervorgeht, bestehen Vereine genug zur Unterstützung der Lehrer; wenn nun einerseits daraus die erfreuliche Folgerung einer im Allgemeinen wachsenden Theilnahme für den Lehrerstand zu ziehen ist, so geht andererseits zur Genüge daraus hervor, daß die materielle Stellung der Lehrer solche Unterstützungen nothwendig macht; ein Umstand, wodurch Viele gegen ihre Neigung gezwungen sind, neben ihrem Berufe anderweitige Erwerbsquellen zu suchen. Um nicht mit oft gehörten Klagen zu schließen, theile ich Ihnen noch mit, daß bei einer hier vor einigen Tagen stattgehabten goldenen Hochzeit des ältesten Mitgliedes der Israeliten gemeinde unser Großherzog den Jubilaren ein Telegramm unmittelbar zusandte, in welchem er seine besten Wünsche ferneren Wohlergehens Msspricht. Der Jubilar zahlte, wie er selbst mittheilte, in seiner Jugend Leibzoll und andere Judenabgaben, und heute verschmäht es unser Großherzog nicht, demselben zur goldenen Hochzeit zu gratuliren. Tempora mutantur. Maier. Preußen. Berlin, 2. Nov. (Privatmitth.) In der That scheint die Ansprache des Gemeindevorstandes in der Gemeinde ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. In immer Mehreren wacht das Bewußtsein auf, daß es sich um die Zukunft der Gemeinde, sowie um die theuersten Interessen jedes aufrichtigen Israeliten handelt. Niemand wird eine Lage der Dinge für befriedigend ansehen, wo die Entscheidung über die bedeutendsten kultuellen, also religiösen Fragen in den Händen einer kleinen Anzahl Laien, und zwar in Folge der Stimmentheilung in den Händen Zweier oder Dreier liegt. Allein da die Entwickelung der Dinge nun einmal dahin geführt hat, ist es um so mehr Pflicht jedes Gemeindemitgliedes, bei der Wahl der Repräsentanten mitzuwirken und dies ohne alle Nebenrücksichten nach eigener, aufrichtiger Ueberzeuguug. Die Wahlbewegung ist daher, in vollem Gange, und da die Juden mehr als die Glieder einer anderen Confession sich gewöhnt haben, ihre Wäsche öffentlich zu waschen, so wimmeln die. hiesigen Zeitungen in ihrem Jnseratentheile von Aufforderungen und Entgegnungen aller Art, welche die Repräsentantenwahl zum Gegenstand haben. So findet sich ein langes, gut geschriebenes Exposs eines „L.", worin es u. A. heißt: „Ein Prachtgebäude steht fertig in der Oranienburger Straße. Ueber seinem Portale lesen wir den Ruf des Propheten Jesaias: „Thu' dich aus, o Pforte, daß einziehe ein gerechtes Volk." Aber die Pforte thut sich nicht auf'und das Volk kommt nicht hinein. Die Kanzel in der alten Synagoge steht fast 2 Jahre verwaist, es soll eine Ehre für den verstorbenen Prediger sein, daß man so lange keinen andern seines- Platzes für würdig hält; aber es ist keine Ehre darin, wenn man zeigt, daß man auch ohne Predigt so lange fertig geworden ist. In einer Gemeinde von 20,000 Seelen kein Wort des geistlichen Trostes für den, der darnach dürstet. Kranke .und Leidende, Trauernde und Gebeugte, an denen es wahrlich auch in dem glänzenden Berlin nicht fehlt, müssen ihren Seelen schmerz tragen, ohne daß das lebendige Wort der Religion mildernd in ihre Herzenswunde dringt. — Ordnung, Erhebung, Würdigkeit und Innerlichkeit vermissen wir in jeder öffentlichen Ausübung ritueller heiliger Gebräuche. Wie werden wir konfirmirt, wie werden wir getraut, wie werden wir begraben? Ueberall fehlt die rechte Weihe, die rechte Stärkung und Erkräftigung, die sonst die Religion zu bieten vermag in den entscheidendsten Momenten des Lebens. „Ja, es muß anders werden, soll es mit der stolzen Brüstung der sogenannten ersten Gemeinde der civilisirten Welt nicht -ein lächerliches Ende nehmen; aber es wird nicht anders, wenn immer und immer wieder solche Männer als Vertreter der Gemeinde gewählt werden, die für ihre Wahl netto ein Jahrhundert zu spät gekommen sind. „Wohlan denn, Israeliten, erwägt mit Ruhe und Gelassenheit die Lage der Sache und redet ein entscheidendes Wort, daß es mit dem trostlosen Zustande der Gemeinde endlich ein Ende nehme. Ihr insbesondere, Ihr Indifferenten, Ihr Gleichgiltigen, rüttelt Euch nur einmal aus Eurer religiösen Kaltblütigkeit auf, stellt Euch ein in die Reihen und helft der guten Sache zum Siege." —