Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1865)
- Date
- 1865-11-14
- Page
- Seite 708 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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„die Eigenart der Juden, die in naturgeschichtlichen Ursachen zu suchen ist." Dies ist also des Pudels Kern. Nicht die veränderten Zustande und Verhältnisse, nicht die veränderte Bildung, nicht die innere und äußere Entwickelung haben irgend eine Bedeutung, üben irgend einen Einfluß, sie'sind nur ganz äußerliche Dinge, die eigentlich nur ein Firniß der äußeren Erscheinung sind: sondern jedes Volk hat seine Eigenart, die, eine eiserne Nothwendtgkeit, in unveränderlichen naturgeschichtlichen Ursachen beruht! Vergebens wird man auf die geschichtlichen Thatsachen Hinweisen; vergebens wird man daran erinnern, daß die Germanen zu Tacitus' Zeit und die Germanen von heute doch wohl ganz andere sind; daß es eine Zeit der Rohheit und Barbarei, der Unwissenheit und Rechtslosigkeit gab, und daß dieselben Völker sich aus diesen zur modernen Cultur herausgearbeitet haben; vergebens, daß es ein Wiedererwachen der Wissenschaften, eine Wiederbelebung der Bildung durch das Studium der Classicität gab; daß geschichtliche Erschütterungen durch die Menschenwelt gingen, welche das ganze Leben der Völker umgestalteten, indem sie lang vorbereitete Entwickelungsphasen zum Ausdruck, zur Gestaltung, zur Verwirklichung brachten, u. s. w. — für die neuen Physiokraten exiftirt nur eine eiserne Nothwendigkeit, die in naturgeschichtlichen Ursachen beruht, und welche die Menschenvölker auf ewig an den Felsen ihrer Eigenart fesselt, bis dieser' verwittert, zusammenbricht und die Nation unter seinen Trümmern begräbt! — Das Lächerlichste hierbei ist, daß diese Leute alle entgegenstehende Meinungen vom freien Willen des Menschen, von der' freien Entwickelung des Menschen, von der göttlichen Vorsehung als Mysticismus bezeichnen und bespötteln — während ihre eiserne Naturnothwendigkeit mit ihren naturgeschichtlichen Ursachen doch nichts Anderes, als mindestens ebensoviel Mysiicismus darbietet, das Räthsel noch viel weniger löst und dabei das kleine Ungemach herbeiführt, aller Geschichte ins Gesicht zu schlagen Gerade an den Juden aber hat der Vers., wenn es ihm darum zu thun war, diese Racenschule zu befestigen, ein unglückliches Beispiel gewählt. Wir wollen einen Augenblick absehen davon, daß der Vers., dessen Autorität noch der von ihm wiederholt citirte Dichter Hebel ist, die Veränderungen, die seit einem halben Jahrhundert in der Thätigkeit der Juden vor sich gegangen, wenig zu kennen scheint oder absichtlich übersieht, daß er ebenso nur auf einen Winkel des südwestlichen Deutschlands blickt, und zwar nur aufs Land, und keine Gegenden kennt, wo die Juden seit Jahrhunderten den eigentlichen Handwerkerstand bilden wie in Volhhnien, Podolien, Persien; der Vers, soll einen Augenblick Recht haben, daß alle Juden ausschließlich im Handel thätig seien — weiß er nicht, daß dasselbe Volk fünfzehn und ein halbes Jahrhundert innerhalb eines eng begrenzten Binnenlandes wohnte, wo es nichts als Ackerbau trieb, und nicht einmal verstand, seine Landesprodukte durch Ausfuhr zu verwerten? Da hatte es nicht einmal einen Hafen; wir erfahren nichts von einer Karavanenstraße, die hindurch geführt, und die zweimaligen Versuche, an Schifffahrt und Handel einen Antheil zu erlangen, fielen unglücklich aus, so daß sie eben als Versuche ausgezeichnet wurden; und noch Josephus beruft sich darauf, daß die Juden nichts weiter als ein ackerbauendes Volk gewesen, bis sie aus ihrem Lande vertrieben wurden. Aber auch nachher dauerte es Jahrhunderte, bis die Juden, durch die Nothwendigkeit ihrer Stellung (nicht durch eine eiserne Naturnothwendigkeit) gezwungen wurden, sich dem Handel zu ergeben. In Persien (Babylonien) wie in Rom betrieben sie alle Berufsarten, und diejenigen römischen Schriftsteller, welche feindlich gegen sie gesinnt sind, Tacitus wie Juvenal, würden gewiß so gut wie der Schreiber im „Morgenblatt" über die Handelsthätigkeit der Juden geschmäht haben, wenn sie derselben, wenn auch nur vorzugsweise angehört hätten. Erft als die Juden im Abendwie im Morgenlande von den neuen Religionen für vogclfrei erklärt, vom Staatsdienste, Militair,' Grundbesitz, Handwerken und Künsten ausgeschlossen wurden, dann erst fielen sie — und zwar zum großen Nutzen der mittelalterlichen Völker — dem Handel anheim. Dies ist geschichtliches Faktum, so notorisch, daß wir nichts zum Belege anzuführen brauchen. Wie will nun der Vers, seine Naturnothwendigkeit mit naturgeschichtlichen Ursachen retten, wenn er sieht, daß dasselbe Volk, noch dazu noch ein unvermischter Stamm, der sich mit anderen Völkerschaften nicht verschwägert hat, fünfzehn Jahrhunderte lediglich dem Ackerbau, und fünfzehn Jahrhunderte dem Handel obgelegen hat? Wenn er eingestehen muß, daß diese totale Umwandlung durch die äußeren Verhältnisse, in welche man dieses Volk hineingebracht, geradezu erzwungen worden ist? . . . Wir fordern ihn hiermit öffentlich auf, eine Erklärung zu geben.-Denn man sieht leicht ein, daß mit dem Wegfall solcher eisernen Naturnothwendigkeit