Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1865)
- Date
- 1865-11-14
- Page
- Seite 706 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein bedeutsamer Factor wird dann fehlen, um eine richtige Auffassung, ein wahres Berständniß dieser Persönlichkeit zu erlangen, nämlich die genetischen Anlagen und Eigenthümlichkeiten an Leib und Geist, die jedes Individuum mit sich bringt, und die sich an ihm naturgemäß entwickeln. Aber im Gegentheile sieht man auf den ersten Blick, wie einseitig und irrig wiederum der Standpunkt sein würde, wenn man lediglich die natürliche Anlage als den einzigen Boden dieser Individualität ansehen, und diese gänzlich aus jener erklären wollte, wenn man es unterließe, alle die Einflüsse in Betracht zu ziehen, welche die äußeren Verhältnisse und Geschicke, die Menschen, mit denen jene zusammengetrosfen, die äußeren und inneren Bildungsmittel, die sie erfahren, die inneren Entwickelungsmotive, die aus allem Diesem für sie hervorgingen, in die sorgfältigste Betrachtung zu ziehen. Und wie bei dem Individuum, so auch bei den Völkern. Als man am Anfang dieses Jahrhunderts die Sprachähnlichkeiten von, durch Raum und Zeit sehr entlegenen Völkern gewahrte und es sich als eine unleugbare Thatfache herausstellte, daß den Sprachen sehr verschiedener Nationen ein und derselbe Sprachenurstamm zu Grunde gelegen haben muß, konnte man sich auch der Folgerung nicht entziehen, daß alle die Volker, welche in ihren Sprachen diese Verwandtschaft zeigten, zu einer Völkerfamilie gehören mußten. Man erhielt so drei große Gruppen, für welche denn auch die h. Schrift in ihrer genealogischen Tabelle einen Anhalt und Namen bot. Die Racen waren fertig. Auf diesem Boden konstruirte man sich nun bald die Raceneigenthümlichkeiten und Racenverschiedenheiten, und da es nicht zu leugnen ist, daß es solche giebt und geben muß, so verdrängte diese Anschauung zuletzt alle anderen Gesichtspunkte, und es ist herrschende Mode geworden, das Racenwesen als den eigentlichen Inhalt, als das eigentliche Element der ganzen Menschengeschichte zu betrachten. Man konnte sich natürlich auch vor den Verschiedenheiten der einzelnen Volksstämme innerhalb einer großen Race nicht verschließen, aber man konnte ja sehr bequem dasselbe Prinzip auch auf die einzelnen Völker anwenden, indem man auch hier die genetische Anlage als das Wesen des Volkslebens ansah. Selbstverständlich berücksichtigte man bei solcher Betrachtung auch andere Momente, wie namentlich die geographischen und klimatischen Verhältnisse, um daraus ein Bild des Racen- oder Volkstypus zu gewinnen. Dies ist das Stichwort des Tages geworden; aber wir wollen nicht verhehlen, daß es bei den Franzosen mehr Glück als bei den Deutschen machte, da die letzteren doch zu viel auf das Specielle und Faktische in der Völkergeschichte zu halten gewohnt sind, um feine Verallgemeinerung mehr als in Einleitungen oder wo es so recht in den Kram paßt, zu lieben. Sehen wir genauer zu, so wohnt dieser ganzen Richtung ein tieferes Element ein, welches die eigentliche Triebkraft in ihr ist. Um es kurz sagen: sie ist nichts anderes als die materialistische Richtung, welche dem Menschen die Seele und jede geistige Freiheit nehmen, und Alles auf phyfiokratische Elemente und Naturgesetze zurückführen will. In den Racen.und den Völkern existirt nichts als Naturelemente, die sich nach unbedingten Gesetzen entfalten und entwickeln, und außerhalb derer es nur Nebensächliches und Zufälliges giebt. Freie Entwicklung und Bildung giebt es hier nicht; das Menschenwesen ist an das Element und an daö unbedingte Gesetz gebunden; die Geschichte ist nichts als die Verwirklichung dieser Gesetze an diesen Elementen. Von einer Einwirkung der historischen Thatsachen, von einem umbildenden, umgestaltenden Einflüsse soll keine Spur sein. Man sieht, es ist eine andere Art von Fatalismus, in welchem nur an die Stelle des göttlichen Willens und der Vorausbestimmung die Nothwendigkeit der Beschaffenheit und des Gesetzes gestellt worden. Frägt man, woher diese Anschauungsweise gekommen, so erkennt man bald, daß sie aus den Naturwiffenschaften auf das Gebiet der Menschengeschichte übertragen und aus dem Wegfall aller Philosophie und dem Ersatz derselben durch das Experiment entstanden ist. Was aber auf dem Felde der materiellen Natur ganz in Ordnung ist, weil man es hier nur mit der Materie und ihrem Gesetze zu thun hat, das führt auf dem geistigen Gebiete zu den verderblichlichsten Jrrthümern. Man analogisirt, schematisirt, analysirt und componirt so lange, bis man aus der ganzen Geschichte des Menschengeistes nur todtes Gestein von primärer, sekundärer und tertiärer Formation mit einer Anzahl funkelnder Krystalle gemacht hat. Dies heißt dann Racen- und Völkerphysiologie und damit will man die wechselnden Erscheinungen des Lebens erklären! — Unsere Leser müssen entschuldigen, wenn wir aus einem so großen und bedeutenden Kreise in einen kleinen und engen herunterspringen, nämlich in die No. 26 des Cotta'schen „Morgenblattes für gebildete Leser" von diesem Jahrgang und zwar in den daselbst befindlichen Aufsatz „Skizzen aus dem Volksleben des südwestlichen