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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-11-07 · Heft 45 (7.11.1865) · p. Seite 697

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 45 (7.11.1865)
Date
1865-11-07
Page
Seite 697 (sequence 9)
Language
German
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(597 gewiß ist, daß sich die beiden Gemeindebehörden über die Rabbinerwahl und die Umgestaltung des Kultus in der neuen Synagoge nicht verständigen werden, während doch ein gütiger Beschluß nur aus der Uebereinstimmung beider hervorgehen kann, so ist diebevorstehende Wahl einem Appell an das Volk nach der Auflösung einest Parlaments oder am Schlüsse von dessen Wahlperiode völlig gleich. Sie sehen, die Gemeindeverfassung nach dem Gesetze von 1847 ist ganz konstitutioneller Art. Zunächst wird es auf die Behelligung der Wähler ankommen, damit eine wirkliche Majoritätswahl zu Stande käme. Sei dies aber der Fall oder nicht, stimmt die zukünftige Repräsentanz mit dem Vorstände überein, so werden die hochwichtigen Angelegenheiten hoffentlich erledigt werden. Tritt das Gegentheil ein, so wird der Vorstand abdanken umssen, die Repräsentanz wählt einen neuen Vorstand nach ihrem Sinne, die beiden großen Fragen werden nach dieser Richtung hin gelöst, und die Gemeinde wird das gerade Gegentheil von dem erfahren, was sie als ihren Wunsch durch ihre Petitionen mit 1700 Unterschriften ausgesprochen hat. Wir hoffen dies uichh allein unmöglich ist es nichts wenn man die Lauheit und Trägheit derer erwägt/ die eine Umgestaltung verlangen, und die Rührigkeit derer, welche sie hintertreiben wollen. — Gewiß aber fragen Sie, welches war eigentlich der bisherige Charakter der Gemeinderepräsentanz, daß sie sich ganz und gar In der Negation verhielt? Wir sehen, daß der Vorstand seine Gründe stets sehr ausführlich ausein and ersetzt; die Repräsentanten antworten mit einem kurzen Ablehnungsbeschluß. Der Vorstand weist immer darauf hin, daß er die Extreme vermieden haben, vor Allem den Frieden in der Gemeinde erhalten, gerade darum allen gerechten Wünschen genügen, in der alten Synagoge nichts, verändern, in der neuen den gegenwärtigen Bedürfnissen Rechnung tragen, Alles aber in gemäß! g-- t er Weise ausführen, und darum die Wahl auf Männer von gemäßigter Richtung und von friedliebendem Charakter lenken will. Cr wiederholt dies immerfort und bringt die Beweise hierfür heran. Sagt die Repräsentanz dennoch Nein, so muß sie einer anderen Richtung angehören. . Welcher nun? Der extrem reformistischen gewiß, nicht, denn sie will gar nicht reforrniren. Der eigentlich orthodoxen auch nicht, denn sonst hätte sie den Muth gehabt, sich geradezu dahin quszusprechen Und die Wahl orthodoxer Rabbiner zu verlangen. Es folgt daraus, daß sie jener Stabilität angehört, welche weder das Neue billigen, noch zu dem wirklich Alten zurückkehren, sondern den leidigen Status quo Hinschleppen will, der nicht leben unv nicht sterben kann. Sicher sind die gegenwärtigen Mitglieder der Repräsentanz als Individuen sehr ehrenwerthe Männer und wir haben es hiev mit ihrem persönlichen Charakter nicht im Entferntesten zu thun. Aber jeder aufrichtige Freund des Judenthums muß diesen Standpunkt. beklagen, da er, wie Jedermann sehen kann, von den traurigsten Folgen für die religiösen Zustände ist. Jedes gottesdienstliche Bedürfniß wird mit Gewalt erdrückt. Ich kenne junge Männer, die gern bisweilen dem sabbathlichen Gottesdienste beiwohnen möchten. Kommen Sie in die alte Synagoge, so ist da ein Gedränge, Gestoße, Lärmen u. s. W. daß auch nicht ein Funken von Andacht in der Seele geweckt, viel weniger zu leuchtender und wärmender Flamme angefacht werden kann. Der junge Mann bleibt fortan weg und nach kurzer Zeit ist alles gottesdienstliche Bedürfniß erloschen — vielleicht auf immer. Glauben Sie ja nicht, daß ich hier nur präsumptiv spreche; es ist völlig konkret, was ich sage, und ich könnte Ihnen Namen nennen. Wie so ist dies aber bei der Berliner Repräsentanz möglich? Einfach weil ihre Mehrheit aus zwei Elementen'besteht, die sich im Festhalten, des Status quo begegnen: aus hyperorthodoxen und religionslosen Männern, letztere wenigstens in Beziehung aus das Judenthum. Daß. die Ersteren dem Status quo anhängen, versteht sich von selbst; die Letzteren wollen aber kein anderes Judenthum gelten lassen, als das altorthodoxe, weil jedes geklärte und in einem edlen Kultus zur Erscheinung kommende Judenthum sie ins Gesicht schlägt und ihnen zu dem Ziele hinderlich ist, zu welchem sie, wenn auch nicht für ihre eigene Person gehen wollen. Hierzu gestatten Sie mir noch eine Digression. In den verschiedenen Schriftstücken, welche der Vorstand mittheilt, bezeichnet er wiederholt die Berliner Gemeinde als die erste von ganz Deutschland, . die an der Spitze der jüdischen Intelligenz stehe, und deshalb auf die ganze Judenheit die allergrößte Wirkung ausübe. Ich theile eine dieser Stellen mit. In dem Schreiben vom 6. April 1864 an die Repräsentantenversammlung heißt es: Daß die Gemeinde zu Berlin mit ihren historischen Erinnerungen und ihrem beständig frischen GeisteH- 45

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