Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1865)
- Date
- 1865-10-31
- Page
- Seite 676 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Lebensfrage der ungarischen Israeliten auf dem Laufenden zu erhalten, will ich mich, sofern Sie, hochgeehrter Herr Redakteur, es wünschen, gerne der Mühe unterziehen , die darauf bezüglichen Vorgänge in Ihr verdienstvolles Blatt zu verzeichnen. Vorerst sind die hierher gehörenden Aeußerungen zu registriren, welche von Capacitäten des Landes bei den feierlichen Installationen der Obergespane (Comitatsleiter), sowie in Wahlreden und Wahlprogrammen von Landtags-Candidaten gethan wurden. Bei Gelegenheit der Installation des Obergespans des Temescher Comitats, Ignaz v. Murünyi, hob der Temesvarer Rabbiner Dr. Hirschfeld (Bruder des Augsburger Rabbiners) als Redner der dortigen israel. Deputation in seiner Ansprache an die genannten Würdenträger hervor, daß der Reichstag ohne Zweifel auf die sociale Stellung der Juden dem Zeitgeiste gemäß reguliren werde, worauf Hr. v. Murünyi erwiderte, daß dies ohne Zweifel der Fall sein werde, und er selbst alle in seiner Macht stehenden Mittel anwenden will, um dieses Ziel erreichen zu helfen. Er sei überzeugt, daß seine Majestät und die Regierung in dieser Hinsicht seine Ansichten theilen. Die Gleichberechtigung sei eine Ford erung der Zeit, die nicht umgangen werden könne. — Graf Kongracz, neuernannter Obergespan des Arvaer Comitats, beim Volke eben so beliebt, wie der Vorgenannte, sprach bei Gelegenheit seiner vor wenigen Tagen unter großartigen Ovationen vor sich gegangenen Installation folgende schönen Worte: „Ich werde einen Unterschied bezüglich der Nationalität oder Konfession unter der Bevölkerung dieses Comitates weder machen, noch anerkennen; denn unsere theuere Heimat, in deren ausgebreiteten Armen Jedermann glücklich zu sein wünscht, kann nur dann groß und stark werden, wenn ihre Söhne ohne Unterschied des Glaubens und der Sprache die brüderliche Liebe ungetrübt unter sich wahren und fortwährend pflegen." — K. v. Ghyczy (spr. Gizi), Präsident des Unterhauses im Jahre 1861, eine der ersten Kapacitäten der in eben genanntem Jahre fast überwiegend gewesenen Beschluß- Partei, abermals von der Stadt, Komorn zum Landtagsdeputirten designirt, begann seine Wahlrede wie folgt: „Kennend den aufgeklärten Geist der Stadt Komorn, halte ich es für selbstverständlich, daß Sie (die Wähler) von demjenigen, den Sie zu Ihrer Vertretung auffordern, voraussetzen, er werde ein warmer Vertheidiger des Grundsatzes sein, daß alle Bewohner des Vaterlandes, ohne Rücksicht auf Glauben, Geburt und Nationalität, gleichberechtigt sein sollen." Und indem er am Schluffe feiner Rede alles auf dem nächsten Landtage zu Erringende rekapitulirt, stellt er die Gleichberechtigung der Confessionen an die Spitze. Moritz Ballagi (Bloch), Professor des theolog. Seminars helv. Confession in Pest, als Sprachforscher einen hohen Rang in der ungar. Literatur einnehmend *), und noch vor seinem Uebertritte zum Christenthume im Jahre 1843 zum Mitgliede der ungar. gelehrten Akademie erwählt, betont in dem Wahlprogramme an seine magyarischen Repräsentirten vom Jahre 1861: „Wir müssen bemühet sein, daß alle, die wir gleichsam unter einem Dache Zusammenleben, nie in die Lage von Rivalen kommen mögen, die sich gegenseitig der Macht wegen anfeinden. Wir müssen daher vor Allem bestrebt sein, daß die Gleich berechtigung der Nationalitäten und die Religionsfreiheit, sofern dieselben in dem Grundgesetze von 1848 noch nicht präcis genug formulirtsind, durch umständlich detaillirte Gesetze bestimmt und sanktionirt werden mögen. Es muß uns daran liegen, daß die heiligsten Gefühle, die der Religion und Nationalität, nicht zu gegenseitiger Entkräftigung, sondern zur Hebung des allgemeinen Wohles dienen mögen, was aber nur dann zu erreichen sein wird, wenn wir gegen alle gleichförmig gerecht, billig und anerkennend sein werden." Indem er hierauf die Grundsätze des Liberalismus specificirt, schließt er sein Programm mit den Worten: „Gebe Gott, daß diese Prinzipien siegreich werden, und unter dem Banner derselben alle Nationalitäten und Confessionen in Liebe umschlossen, gemeinschaftlich zum Heile des vielerprobten Vaterlandes wirken m.ö g e n." Welch rühmliche Ausnahme macht dieser Mann unter den jüdischen Convertiten; denn die meisten suchen ihren Ruhm in der Herabsetzung ihrer angestammten Confession und in der Verfolgung ihrer früheren Glaubensgenossen. Paul Szontagh, eine populäre Persönlichkeit im Neograder Comitate, in den vormärzlichen Zeiten, sowie *) Unter Andern hat seine noch als Jude geschriebene ungar. Uebersetzung der Thora und des B. Josua einen bedeutenden Platz in der ungar. Literatur.