Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1865)
- Date
- 1865-10-31
- Page
- Seite 674 (sequence 2)
- Language
- German
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die Formen, in die es gebracht worden. Es betrachtet zwar das Nomadenleben in der Wüste als vorüberge- 1 hend, aber es schwankt stets zwischen der Rückkehr nach Egypten und dem Einzüge in Canaän, und noch an der Grenze des letzteren rufen sie: ,,Laßt uns ein anderes Oberhaupt setzen und nach Egypten zurückkehren!" (4 Mos. 14, 4.) So gewaltig und tumultuarisch waren diese Kämpfe, daß selbst der mächtige, konsequente und ausdauernde Geist Moses, trotz seines unerschütterlichen Gottesbewußtseins, bisweilen verzagte und an der „Ertragung dieser Last", d. h. an der Durchführung und Vollendung seines Werkes verzweifelte (5 Mos. I, 12.) Sehen wir jedoch von den einzelnen Aufständen des Volkes ab, welche durch äußere Ursachen, wie durch Mangel an Speise und Trank, durch die Furcht vor den Bewohnern des Landes (nach den Aussagen der feigen Kundschafter) veranlaßt wurden: so bleiben drei übrig, die um der höchsten Prinzipien willen vor sich gingen, so daß von deren Ausgang der ganze Erfolg, der ganze weitere Verlauf abhing. Der erste dieser ist der Abfall am Fuße des Sinai selbst von der Anbetung des einzigen, unkörperlichen Gottes im Geiste durch die Aufstellung des goldenen Kalbes. In Moses sahen die Israeliten diese Grundlehre vom einzigen, unkörperlichen Gotte, dieses Fundament des ganzen aufzuführendcn Bauwerkes verkörpert, und als ihnen Moses durch sein Verweilen auf dem Gipfel des Gebirges entrückt war, war ihnen alsbald auch diese Grundlehre entschwunden, und sie verfielen einem Götzendienste, in welchem sie ihre überlieferten Begriffe mit egyptischen Vorstellungen vermischten. Mit dem Wiedererscheinen Moses' mußte daher der Kampf eine völlig materielle Gestalt annehmen, und es sielen demselben „bei 3000 Mann vom Volke." (2 Mos. 32, 28.) Hier war es, wo zum Siege der guten Sache der Bestand der Stammeseintheilung Vieles beitrug. Denn der Stamm Levi, welchem Moses angehörte (B. 26), war es, der sich unbedingt und in seiner Gesammtheit für die Lehre Moses erklärte und mit den Waffen in der Hand für sie kämpfte. Nichts natürlicher, als daß Moses den Stamm Levi als die wesentlichste Stütze der Lehre und des Gesetzes innerhalb des noch so lange Zeit schwankenden Volkes betrachten mußte, und daß, als die Aufstellung eines der Lehre und dem Gesetze vorzugsweise ergebenen und daher zu deren Dienste, zu deren Erhaltung und Verbreitung innerhalb des Volkes zu berufenden Geschlechtes unentbehrlich erschien, der Stamm Levi und aus ihm wieder die Familie Aaron's zu Priestern und Lehrern allein tauglich war. Das politische Prinzip des israelitischen Volkes sollte das demokratische sein, wie es bei einem so unmittelbar aus dem Familienleben hervorgehenden Volke gar nicht anders möglich war. Diesem demokratischen Prinzipe gemäß sollten die Erstgeborenen jeder Familie die Träger des Cultus, die Stützen der Lehre sein, und hierdurch wie durch ihr natürliches Ansehen in der Familie das ganze Volk an die Lehre und das Gesetz knüpfen. Der schwere Kampf um das höchste Prinzip am Fuße des Sinai hatte diese Erstgeborenen als unbefähigt zu diesem Berufe erwiesen. Das Prinzip war eben noch zu wenig im Volke entschieden, als daß es bereits in allen Familien seine Geltung und in einem Glieds derselben seine Vertretung finden konnte. Es mußte daher hier eine Ausnahme, eine Abweichung 'vom demokratischen Prinzipe getroffen und ein Priestergeschlechr aufgestellt werden. Als Consequenz mußte auch der ganze Cultus aus der Familie entfernt, und als ein nationaler isolirt und auf besonderen Gesetzen der Reinigkeit errichtet werden. Hierum nun der zweite Kampf, angestiftet von Korach, der noch erbitterter war, und es fielen demselben außer den 250 Männern, welche das Räucherwerk dargebracht, 14,700 zum Opfer (4 Mos. 16, 35. 17, 14.). Es liegt in diesem Kampfe eine Menge der bedeutsamsten Züge vor, wie sie nur einen Volkskampf charakterisiren können. Von der einen Seite treten Korach und seine Genoffen als echte Volksaufwiegler im Namen desselben demokratischen Prinzips, aber von der radikalsten Spitze aus (16, 3), gegen Moses auf, den wahren Verkünder und Gesetzgeber dieses Prinzips, der aber als Organisator es mit den wirklichen Verhältnissen -vereinbaren mußte. Es war Alles geschehen, um dem Priestergeschlechte jede politische Bedeutung vorzuenthalten, jede materielle Macht zu entziehen. Schon durch den Stamm Levi selbst war dem Priestergeschlechte ein Gegengewicht gegeben, da es in der Natur liegt, daß die Untergeordneten ihren Uebergeordneten Opposition machen, wenn sie in die Reihen der Letzteren einzudringen keine Hoffnung haben. Hieraus beruft sich Moses selbst. (V. 9.) Und dennoch während Korach für das Volk einzutreten schien, war es Moses, der die Nationalität aus den Fesseln des Individuellen und Familienlebens lösen und durch eine gemeinsame Institution des Cultus zum ersten Male verkörpern wollte. Dies einzusehen, dazu konnte oder wollte der Demagog sich nicht erheben, dessen Ehrgeiz als wirkliches Motiv klar genug gezeichnet wird. Der Kampf drehte sich also hier