Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1865)
- Date
- 1865-10-24
- Page
- Seite 662 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Fürsorge, die er den Gemeinden und ihren Instituten zuwendet, segensreich auf und für seine Mitbrüder und schafft so vieles Gute, dessen Einfluß auf das gegenwärtige und das zukünftige Geschlecht nicht abzumessen ist. Endlich macht er sich zum Mitträger jener weltgeschichtlichen Mission, die dem Judenthum jetzt selbst seine Gegner nicht mehr absprechen. Die religiöse Ueberzeugung, gerade weil sie in ihren bisherigen Gestaltungen vielfach veraltet, vom Leben, von der Wissenschaft und von Parteien angefeindet und zersetzt wird, findet im Iudenthume ein unerschütterliches Fundament, und mitten in der geschichtlichen und nationalen Hülle liegt das unentbehrliche Kleinod der lauteren Gotteslehre imJudenthume geborgen und aufbewahrt für alle Zeiten. Wie daher die Lehre des Iudenthums vor Jahrtausenden schon einen Theil ihres Inhalts der Menschenwelt abgegeben: so bewahrt sie ihren ganzen Schatz auch noch für die Zukunft der Menschheit auf, und ist bereit, ihr davon zu spenden, wann und wo die Zeit gekommen sein wird. Wer sieht daher nicht ein, daß der treue Bekenner des Iudenthums zugleich auch eine hohe Pflicht für die Menschheit erfüllt, und zwar viel sicherer, als dies ihm durch die Einmischung in das politische Parteitreiben des Staates immer gelingen mag? Fragst Du mich also: ob kosmopolitisch oder national oder religiös oder wie? so lautet die Antwort: sei Alles nach dem richtigen Maße, innerhalb der gegebenen Verhältnisse, und mit Aufbietung aller Deiner Kräfte! Du gehörst dem Allen an, und so mußt Du nach allen diesen Richtungen hin nach bestem Wissen und Gewissen thätig und wirksam sein, wo und wie Du nur kannst. Zerstreute Bemerkungen. - Jüngst erschien eine Broschüre von Dr. M. Lazarus: „Ueber die Ideen in der Geschichte" (Berlin, Dümmler, 1865.). Es war ursprünglich eine Rektoratsrede des Verfassers aus dem Jahre 1863. Wenn wir auch mit den Grundanschauungen des Verf. übereinstimmen, so ist doch die ganze Behandlung des Gegenstandes eine zu dialektische, als daß das Resultat nicht doch über das Ziel hinausginge. Der Verf. will, daß eine Wissenschaft der Geschichte geschaffen werde, zu welcher eben bisjetzt nur die ersten Schritte gethan seien. Er will sie durch die Vollendung der Psychologie schaffen denn, indem diese die Gesetze des Geistes vollständig aufftellt, gelangen wir durch die Anwendung derselben auf die Geschichte zur Erkenntniß der Causalmomente, welche den Ereignissen zu Grunde liegen. Diese einfache Auseinandersetzung der Hauptansicht des Verf. zeigt schon die Schwächen derselben, denen auf dialektischem Wege beizukommen schon viel schwieriger sein würde. Doch das ist unsere Sache nicht. Eigentlich ist aber auch der Gegenstand dieser Schrift ein anderer, nämlich der, die Existenz wirkender Ideen in der Geschichte zu erweisen, zugleich aber, daß dieselben nicht personifizirt, als „herrschende und leitende" gedacht werden dürfen. Dies wird dialektisch auseinandergesetzt. Wir hätten der Verständlichkeit und dadurch der Wirksamkeit der Schrift wegen gewünscht, daß der Verf. an irgend einem bedeutenden Beispiel seine Ansichten verdeutlicht hätte, so daß die Brücke von der philosophischen zur empirischen Auffassung leichter zu überschreiten gewesen. Klar und schön zugleich ist der Schluß des Büchleins, welchen wir hier anführen wollen. „Bei der Erhabenheit der Ideen, welche den Menschen aus dem Staube ziehen und seinem von kleinlichen Sorgen beschwerten und gefesselten Leben den Stempel eines unendlichen Werthes und einer unzerstörbaren Würde ausprägen, möchte ich Ihnen die Thatsache ans Herz legen, welche in den Annalen der Geschichte in verschiedener Gestalt, aber mit immer erneuter Gewalt auftritt: Es sei denn, daß ein Volk reich ist an Gedanken, sonst ist es kein reiches Volk) es sei denn, daß es groß ist an Gesinnung, sonst ist es kein großes Volk; es sei denn, daß es herrsche in und mit dem Geiste, sonst wird es im Rathe und Reiche der Völker nicht herrschen, sondern dienen. Wie reich und groß und mächtig mochten doch auch jene Völker sich dünken, welche so geräuschvoll aus der Erde erschienen und so spurlos wieder von ihr verschwunden sind? — wie ein Sturmwind brausten die Hunnenschaaren über Asien und Europa dahin, daß sie bis in die Berge, an die Oceane drangen: aber nicht iyr Sturmwind ist Gott! Wie ein verzehrend Feuer ergossen sich die mongolischen Horden schier über einen großen Theil des Erdballs, aber mit dem Tritt ihrer Rosse und ihrem Schlachtgeschrei ist auch ihr Ruf verhallt: nicht im Feuer ist Gott! Aber jene kleinen Völkerschaften im Osten, Norden und Westen des Mittelmeeres, welche Kunst und Wissenschaft gepflanzt und gepflegt und die religiöse Vertiefung des Menschengeistes