Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1865)
- Date
- 1865-10-24
- Page
- Seite 661 (sequence 3)
- Language
- German
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eigentlichen Gegenstände näher. Jahrhunderte hindurch hatte man die Bekenner des Juventhums von allen Lebenskreisen ausgeschlossen, ihnen alle Lebensmomente entzogen. Es war ihnen nichts geblieben, als die Familie und die Religionsgenoffenschaft. Das ganze Menschengeschlecht stellte sich ihnen feindlich gegenüber, der Staat betrachtete sie als einen aufgedrängten Auswuchs, die Nation als einen sremdcn, widerwärtigen Zuschuß. Es ist rühmenswerth genug und ein Zeugniß wahrhaft sittlichen Kernes, daß unter solchen, anderthalb Jahrtausende wirkenden Verhältnissen dennoch kein feindseliger Geist im jüdischen Stamme erzeugt wurde, und daß die Geschichte keinen einzigen Akt des Haffes seitens dieses Volkes gegen Menschheit, Staat, Nation und Gesellschaft, welche es so fürchterlich behandelten, aufzuweisen hat. Daß aber die Energie dieses Stammes lediglich auf die Familie und die Religionsgenossenschaft beschränkt blieb, versteht sich von selbst. Ganz entgegengesetzt wurde das Verhältniß von der, Zeit an, wo die Welt ihre Ausschließung gegen die Juden auszugeben begann. So schnell auch, ja so bewunderungswerth schnell auch sich die Juden in das bürgerliche Wesen, in die staatlichen Verhältnisse, in das Culturleben der Menschheit hineinschickten, hineinlebten, darin thätig wurden, und angemessene Leistungen vollbrachten; schneller jedoch waren die Forderungen, die man an sie stellte, die Vorwürfe und Beschuldigungen neuer Art, die man gegen sie richtete. Was sie auch für allgemeine Interessen thaten, es genügte nicht; immer beschuldigte man sie, für Staat, Nation, Menschheit, für allgemeine Zwecke, Arbeiten und Interessen keine Theilnahme zu haben, sie gerade sollten alles Besondere abstreifen und als Nationale oder Kosmopoliten vom reinsten Wasser erscheinen und im Patriotismus Alle übertreffen, welche nun schon seit vielen Jahrhunderten die Vortheile der Gesellschaft im reichsten Maße genossen hatten. Hingen sie noch an ihrem Glauben und ihrer Glaubensgenossenschaft, thaten sie noch Etwas für die Institute ihrer Religion, vergaßen sie nicht ganz der Mitbekenner ihrer Religion, so waren sie unverbesserliche Anhänger ihres spezifischen Wesens, verschworene Verbündete, Parasiten am Baume der Gesellschaft und soweiter. Man bilde sich nicht ein, daß diese Art von Anklagen bereits zu den überwundenen „ und verschwundenen gehören. Es sind noch nicht Wochen vergangen, wo wir sie abermals zurückzuweisen hatten, und sie können jeden Augenblick erneuert werden. lieber-.^ all, besonders wo die Nationalität einmal wieder in den Vordergrund getreten ist, hört man sie wiederholen; abet merkwürdiger Weise gerade da, wo die Nationalität entweder zu einem entschiedenen Leben noch nicht vorgedrungen, wie in Deutschland, oder durch die Anwesenheit noch anderer Nationalitäten im Lande, wie in Ungarn, eine einseitige Herrschaft anstrebt; wogegen in Staaten, in welchen die Nationalität eine völlig entschiedene und energische ist, wie in Dänemark, Frankreich, England, eine solche Behauptung gegen die Juden niemals erhoben worden ist. Widerlegt wird diese aber faktisch dadurch, daß von reaktionärer und ultraradikaler Seite die entgegengesetzte Bezüchtigung nicht selten betont wird, nämlich, daß die Juden sich viel zu viel in die allgemeinen Angelegenheiten mischten, ihre Betheiligung an denselben anmaßend beanspruchten, und ihre Stimme lautbar machten. Das Gegentheil muß doch wohl das Gegentheil aufheben, und den Beweis für das richtige Maß liefern. Gehen wir daher hierüber hinweg; haben wir es vielmehr mit denjenigen Juden zu thun, welche selbst zu der Meinung gekommen, daß es viel angemessener und pflichtgemäßer sei, sich mit allgemeinen, als mit speziell jüdischen Angelegenheiten zu beschäftigen. Es versteht sich von selbst, daß auch wir die Pflichten gegen die Menschheit, den Staat, die Nation, der wir angehören, im ganzen Maße würdigen, hochstellen und ihre Erfüllung verlangen; aber nicht minder giebt es Pflichten gegen seine Religion und Religionsgenoffenschaft, und auch diese wollen wir erfüllt haben. Ist doch so schon nicht Jedermann berufen, über das gewöhnliche Maß seiner Bürgerpflichten für und in das Allgemeine zu wirken. Auch ist es wohl zu beachten, daß wir viel öfter durch die kräftige Beförderung eines Besonderen mehr für das Allgemeine thun, als durch die unsichere Wirksamkeit für das Allgemeine, die doch nur allzu oft auf ein Parteiwesen hinausläuft. Wer aber für das Judenthum strebt und handelt, befriedigt dadurch seine Pflicht in dreifacher Richtung. Zuerst fördert er dadurch sein eigenes und der Seinen Seelenheil. Er stellt sich in die engste Beziehung zu Gott, zu dessen Bekenntniß, zum Leben in diesem; er zieht aus der Religion eine höhere Erkenntniß und eine tiefere Versittlichung seines Wesens und Thuns; er schafft sich Demuth im Glücke, Kraft und Trost im Unglücke in die Seele, und vermeidet jene Blasirtheit, welche gegenwärtig so viele gute Herzen verhärtet, so viele tüchtige Geister lähmt, so viele Unglückliche in Verzweiflung und Selbstmord treibt. Zweitens wirkt er schon durch sein Beispiel, dann durch die 43*