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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-10-24 · Heft 43 (24.10.1865) · p. Seite 660

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 43 (24.10.1865)
Date
1865-10-24
Page
Seite 660 (sequence 2)
Language
German
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UW m Glaubt Herr Nappaport, daß er durch derlei Beschwörungsformeln den intelligenteren Theil der Juden einschüchtert, so ist er in einem großen Irrthume befangen; im Gegentheile, man wird dadurch erst recht aufgemuntert, dem Vereine, von dem man Heil für die in der Judenheit leider vorherrschenden Gebrechen erwartet, beizutreten. — Herr Nappaport hätte billigerweise erst abwarten sollen, bis der Verein etwas an den Tag fördert, was seiner Meinung widerstreitet, und dann erst in bescheidener Weise diese, durch Gründe unterstützt, der Welt vorlegen, nicht aber im Vorhinein über den Verein den Bann proclamiren. — Ja! Ja! es ist hohe Zeit, daß die Rabbinen der Zerfahrenheit im Judenthume ein Ende machen. — Es ist eine feststehende Wahrheit, daß die Zahl der nicht streng orthodoxen Juden in der Vorzeit nur gering war, während jetzt, dem früheren entgegengesetzt, die Rigorosen zur Ausnahme gehören. Dem Verkehre am Sabbath wenden sich nicht wenige Orthodoxe zu; die Speisege-. setze auf Reisen zu übertreten, ist allgemein gang und gäbe, ja sogar der Bußtag, -1122 DV', der gleich dem Sterbeglöcklein die Menschen an ihre Hinfälligkeit erinnert, hat an seinem Eindrücke in sofern abgenommen, als Viele das Fasten nicht mehr halten! Und unter solchen Umständen sollen wir den Männern nicht Dank wissen, daß sie, in dem Verständniß des wahren Judenthums als Führer und Leiter der Judenheit dienen, und derselben den rechten Weg zeigen wollen, den sie zu betreten und zu gehen hat? Soll die Heuchelei, die Verstellung, die Frivolität auf der einen, und auf der andern Seite die geist- und sinnlose Werkheiligkeit ohne Scheu und Scham noch immer vorherrschen? Soll die studirende Jugend, welche Alles prüft, und nur Das für gut anerkennt, wofür Verstand und Herz sprechen, das ganze Judenthum, weil es in seiner Narrheit von den geistlichen Vorständen noch aufrecht erhalten wird, förmlich über Bord werfen? Da sei Gott vor! Es ist vielmehr die Aufgabe aller dem Judenrhume mit tiefer Wärme noch anhänglichen Männer, durch Wort und Schrift, wenn sie es vermögen, oder durch Opfer anderer Art, alles Mögliche beizutragen, damit die Juden einen besseren Standpunkt in religiöser Hinsicht einnebmen, und daß eine Generation erstehe, die in sittlicher und wahrer religiöser Beziehung nichts zu wünschen übrig läßt. — Die großen Capacitäten, welche jetzt die heilige Sache in die Hand nehmen, mögen sich an das Geschrei ihrer Widersacher nicht kehren. Diese haben , seit der Mendelssohn'schen Zeit schon so oft getobt, und trotzdem wußte die jüdische. Intelligenz doch, welches Ziel sie zu verfolgen habe. — & Mögen aber auch einige unserer jüdischen Journalisten die Bemerkung hinnehmen, daß das Lesepublicum im Allgemeinen genau zu unterscheiden weiß, wer das ernstliche Streben hat, dahin zu wirken, daß ein geläutertes Judenthum hergestellt werde, und wer nicht. — Es weiß mit seinem gesunden Sinne den herauszufinden, den nicht Liebe zur Wahrheit und Unparteilichkeit beseelt, wenn auch ein schönes Wortgeklingel und eine sophistisch bestechende Diction demselben zu Gebote stehen.— Ein Wahrheitsfreund. Bonn, 15. Oktober. Kosmopolitisch oder national oder wie? in. Aus dem Vorhergehenden ist es klar geworden, daß im Kreise des Menschen, wie das Allgemeine so auch alles Besondere sein volles Recht besitzt, und darum auch Pflichten gegen dasselbe für den Menschen bestehen; -daß es Lagen giebt, wo ein Besonderes vorzugsweise unsere Aufmerksamkeit, Anstrengung und Aufopferung beansprucht, daß aber jedes Moment, sei es ein allgemeines oder ein besonderes, welches die anderen ausschließen und sich als das allein gültige an die Stelle der anderen setzen will, im Unrecht sei. Wir gehen weiter, und es wird uns offenbar, daß durch die richtige Erfüllung und Förderung des Besonderen auch das Allgemeine gefördert und erfüllt werde. Durch die Entfaltung des Individuums selbst wird die allgemeine Geisteskultur und das Gemeinwohl vorwärts geführt, durch den sittlichen Bestand, der Familie wird Nation und Staat wesentlich erhalten, und in der Blüthe der Nationen besteht der Fortschritt des Menschengeschlechtes. Im Gegentheil ist aller Fanatismus und Zelotismus eines einzelnen Momentes von zerstörender Wirksamkeit; nur sehr mittelbar kann daraus Gutes sich, entwickeln, das aber von den vielfachen Gefahren und dem tiefgehenden Verderben, die jener bewirkt, sehr ausgewogen wird. Von diesen Ueberzeugungen aus treten wir unserem

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