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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-10-17 · Heft 42 (17.10.1865) · p. Seite 653

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 42 (17.10.1865)
Date
1865-10-17
Page
Seite 653 (sequence 9)
Language
German
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modernen Anschauungen huldigen, die Bezeichnung „alttestamentarisch" perhorresziren. (Wir kennen den Grund des genannten Antragstellers nicht, der ihn zu seinem Verlangen bewogen. Jedenfalls sind es keine „modernen Anschauungen", die ihn dazu vermochten, denn nicht aus diesen heraus perhorresziren wir die Beziehung „alttestamentarisch" sondern weil wir diesen Ausdruck gar nicht kennen und noch weniger zugestehen. Das Judenthum kennt kein Buch, das „Testament", noch weniger, das „altes Testament" heiße und gar seine heilige Schrift sei. Ein „altes Testament" würde ein „neues" voraussetzen, und bekanntlich hebt ein nachfolgendes Testament seinen Vorgänger auf; wir erkennen die Möglichkeit weder des einen noch des andern an, sondern die Gotteslehre vom einig-einzigen Gotte ist uns eine unveränderliche, die jeder neue Zusatz nur zu trüben vermöchte. Der Correspondent der „Debatte" sieht also ein, daß die alten, wie die neuen Juden die Bezeichnung „alttestamentarisch" nicht zugestehen können, da der Ausdruck ganz außerhalb unserer Existenz liegt. Die Red act.) Aus der Bukowina, iin Sept. Die „Debatte" entwirft ein köstliches Bildchen, das wir hier als höchst getroffen wiedergeben wollen. Das kleine Städtchen Sadagura in'der Bukowina ist bekanntlich die Residenz jenes Wunder-Rabbi, welchen die Juden aus Galizien, Kongreßpolen, Rußland, den Donaufürstenthümern und anderen Ländern gleich einem Heiligen verehren. Kürzlich handelte es sich nun darum, in Sadagura eine jüdisch-deutsche Volksschule zu errichten. Der Landeschef der Bukowina, Graf Amadei, traf gelegentlich einer Inspektionsreise in Sadagura ein, und in der Meinung, daß die beabsichtigte Errichtung der Volksschule bei Niemandem eine ausgiebigere Unterstützung finden könne, als bei dem immens reichen Rabbi, ließ er diesen behufs einer Besprechung zu sich bitten. Im Palais des Rabbi entstand große Aufregung. Die Kronjuristen, d. h. die Leib-Chassidim des Rabbi traten zu einer Eonferenz zusammen, in welcher stundenlang die Frage erörtert wurde, ob der Einladung des Landeschefs Folge zu leisten sei oder nicht. Endlich entschied man sich dahin, daß der Rabbi wohl zum Landeschef gehen solle, aber mit dem bestimmten Vorsatze — ihn fühlen zu lassen, daß er nicht würdig sei, einen solchen Heiligen von Angesicht zu Angesicht zu schauen. In seiner Prachtkarosse fuhr der Rabbi bei dem Landeschef vor; die ganze Judenschaft Sadagura's war auf den Beinen, um die Wunder zu sehen, welche der jüdische Rabbi an dem christlichen Landeschef thun werde. Unser Rabbi handelte genau nach dem Beschlüsse seiner Ehassidim: er blickte den Landeschef nicht an, er beantwortete den Gruß desselben nicht, und ließ überhaupt kein Wort aus sich herausbringen. Der Landeschef sah sich veranlaßt, ihn als blödsinnig zu entlassen. Die Anhänger des Rabbi aber versichern, der Landeschef habe sich demselben zn Füßen geworfen und ihm seine Verehrung bezeigt. Rußland. Petersburg, 1. October. Die „Ostsee-Zeitung" läßt sich von hieraus Folgendes schreiben: Unter den Juden in Lithauen und Reußen ist in letzter Zeit eine entschiedene Neigung zu religiösen Reformen erwacht, die iminer größere Verbreitung gewinnt. In mehreren Städten haben sich bereits bedeutende jüdische Reformgemeinden gebildet, deren religiöse Grundsätze mit denen der jüdischen Reformgemeinden in Deutschland wesentlich übereinftimmen. Auch bestehen in Wilna und Sitomir bereits Schulen zur Ausbildung reformirter Rabbiner. Da die jüdischen Reformgemeinden bei ihrem Gottesdienste und in ihren Schulen die russische Sprache einführen und sich überhaupt der russischen Regierung geneigt zeigen, so werden ihre Bestrebungen von der russischen Regierung eben so sehr begünstigt wie sie von den orthodoxen Juden und von den auswärtigen polnischen Blättern bekämpft werden. . (Wir brauchen unfern Lesern kaum zu sagen, daß diese Mittheilungen nur cum grano salis aufzunehmen sind. Die Redact.) Großbritannien. London, 29. Sept. Nunmehr ist zum zweiten Male ein Jude zum Lordmahor von London erwählt worden, wie dies bereits auch in diesem Blatte vorhergesagt worden. Ueber Persönlichkeiten, wie die eben zum Chef der größten Stadt der Welt erwählte ist, hören wir gern solche, welche sonst den Juden eben nicht Freund sind. Die K. Z. läßt sich schreiben: 42

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