Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1865)
- Date
- 1865-10-17
- Page
- Seite 649 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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UH Nicht minder nehmen es Kosmopoliten wie Nationale sehr übel auf, wenn Jemand noch ein Herz für seine Religion und noch einiges Interesse für seine Glaubensgenossen besitzt und bethätigt. Was hierfür geschieht, ist doch nur geradezu der Humanität und der nationalen Sache gestohlen! Wer erinnert sich hierbei nicht aufs lebhafteste an den religiösen Fanatismus,' welcher seinerseits jedes Streben verurtheilt, das nicht in seine Hürde, und jede Gabe verketzert, die nicht in seine Hände fällt. Aus diesem Wenigen leuchtet schon ein, einerseits, daß alle jene Momente zum wirklichen Wesen.jdes Menschen gehören, daß er in der That einer Familie, einem Vaterlande, einer Glaubensgenossenschaft, der gesammten Menschheit, die auch nur eine große Menschenfamilie ist, ang.ehört; und andererseits, daß pk Ausschließung deS einen durch das andere ein Jrrthum, ein Unrecht, mit mehr oder weniger Gefahr, mit mehr oder weniger Vergehen verbunden ist. Es kann allerdings kommen, daß zu Zeiten eines dieser Momente unsere ganz besondere Aufmerksamkeit, unsere höchste Hingabe und Anstrengung fordert und zu fordern berechtigt ist — eine lange Vernachlässigung oder eine große Gefahr kann die Concentrirung auf diesen einen Punkt nothwendig machen — aber hiermit ist ihm' doch nicht mehr-eingeräumt, als ihm gebührt, und es darf auch dann nicht den sittlichen Forderungen der anderen Momente geradezu entgegentreten. Weder der Kosmopolitismus, noch die Nationalität, noch die Glaubensgenossenschaft stehen sich an sich feindlich gegenüber; die edlere Entfaltung in einem derselben wird sogar die Entwickelung des andern fördern. Des Menschen Herz ist fruchtbar genug, um in seinem Garten alle diese veredelten Anpflanzungen zu pflegen. Wo sie einander ausschließend sich gegenübertreten, da sind sie bereits, wer von ihnen es auch sei, in der Entartung begriffen. Es ist wahr, auch hier kann eine Collision der Pflichten momentan eintreten; es kann das Eine verlangen , was dem Andern zu gehören scheint. Solche Augenblicke werden dem edleren Geiste peinlich sein. Aber er muß sich eben durchkämpfen, und mit einem richtigen Takte und gutem Willen wird der Ausgang nicht zweifelhaft sein. Sicher ist es daher, daß alle diese großen Lebensmomente vollberechtigt sind; wer sich einem von ihnen entzieht, thut nicht allein Unrecht, sondern verstopft sich auch, selbst eine mächtige Quelle des Lebens. Aber auch hier kommt es darauf an, das rechte Maaß, die wahre Harmonie, die sittliche Uebereinstimmung zu finden, welche zwischen ihnen eingehalten und bewahrt werden müssen. Denn erst da, wo das eine Moment sich an die Stelle aller anderen stellt, sie verdrängen und zum Schweigen verurtheilen will, wird jedes derselben zu einem sittlichen Feinde und der daraus entspringende Fanatismus den Weg der Wahrheit und des Rechtes verlieren. Allerdings meinen wir nicht jene Abschwächung aller Energie, welche durch körperliches Zumeffen des Allernothwendigsten allem männlichen Fühlen und Streben die. Spitze abbricht, und, weil sie Allem gerecht fein will, nichts vollbringt und ungerecht gegen alle wird. Sondern wir meinen nur Zwiefaches: ein warmes volles Herz für alles menschlich Edle und Große zu haben und den unsittlichen Fanatismus zu vermeiden, genügt, um überall das Richtige herauszufinden und thatkräftig auszuführen. Warum sollte der wahrhaft Religiöse, der in seinem Glauben mit ganzem Herzen lebt und dessen Interessen nach Kräften fördert — vorausgesetzt, daß er vor dem Dämon des Fanatismus sich hütet — nicht mit derselben ganzen Seele seinem Vaterlande anhängen und für dasselbe leben und sterben? Wie könnte er anders, als mit ganzem Gemüthe dem Kampfe der Menschheit um die höchste Entwickelung angehören und seine Kräfte dafür aufbieten. Läßt es sich nicht voraussetzen, daß der Mensch, welcher ein volles Herz für seine Familie hat, nicht auch die. edelsten Gefühle'für alle großen Güter der Menschheit besitze? Nein! Familie, Religion, Vaterland und Menschheit haben nur einen gemeinsamen Feind — den Egoismus — und in > per Tiefe ist der Fanatismus nichts anderes, als der durch ein geistiges Moment potenzirte Egoismus! Sie selbst find nur die in einander verflochtenen Fäden eines und desselben Nervengeflechts. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hannover, 27. September. (Privatmitth.) Das vielbesprochene, den Geschwornendienst der Israeliten am Sabbath betreffende Rescript unseres königl. Justizministerii liegt nunmehr gedruckt vor und lautet