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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-10-17 · Heft 42 (17.10.1865) · p. Seite 647

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 42 (17.10.1865)
Date
1865-10-17
Page
Seite 647 (sequence 3)
Language
German
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MW 64? deln herauszuziehen für sie und liegen zu lassen, damit sie recht viel lese. Und dieses sollte sie thun, so lange seine Ernte dauere. Sie würde dadurch vermeiden, daß ihr auf einem anderen Felde übel begegnet würde. So geschah es auch^durch die Gersten- und dann die Weizenernte hindurch. Gerade aus diesen Bemerkungen ersehen wir, daß zwar die bestimmten Vorschriften des mosaischen Gesetzes hinsichtlich der Wohlthätigkeit innerhalb des Ackerbaues vollständig zur Sitte des Volkes geworden waren, so daß sie als selbstverständlich beansprucht und geübt wurden. Allein die Art ihrer Ausführung war doch dem Einzelnen anheimgegeben, und man erkennt schon aus diesen wenigen Zügen, wie verschieden dabei doch die Behandlung der Armen und das Maaß war, das man ihnen einräumte. Hiermit war auch der Zweck der Gesetzgebung erreicht, die eine gesetzliche Verbindlichkeit aufftellen, doch aber die freie Uebung der Wohlthätigkeit und die reiche Herzensentfalmng, die damit verbunden, erzielen, nicht aber eine fest abgegrenzte Armensteuer auflegen wollte, bei deren Leistung es auf die inneren Motive gar nicht ankomme. — Die weiteren Scenen des Buches bieten uns noch manchen Einblick in das einfache, würdige, von Recht und Liebe getragene Leben des allein auf Ackerbau beschränkten Volkes, wie z. B. es der Ruth zum Lobe gereicht, nicht nach der Hand eines jungen Mannes gestrebt, sondern dem Rechte nach das Wohlgefallen des Boas gewollt zu haben (3,10); daß Boas, obschon er der Zuneigung der Ruth sicher war, dennoch den ihm voranstehenden Verwandten um die Lösung angehen wollte, weil derselbe ein größeres Anrecht hatte. Aus Oberitalien, 4. October. lLuzzatto^ Eine schmerzliche Trauerbotschaft versetzte in diesen Tagen die Israeliten Italiens in tiefe Betrübniß. David Samuel Luzzatto ist am Abende des Verföhnungstages (29. September) plötzlich vom irdischen Leben abgerusen worden; eine Nachricht, welche wohl alle, die für Judenthum, dessen heilige Urkunden, ältere und neuere Literatur, Geschichte und Wissenschaft, Sprache und Dichtung Interesse haben, mit großem Bedauern erfüllen wird. Er ist nur 65 Jahre alt geworden. Allein seine gemeinnützige Thätigkeit für Erziehung beginnt schon im zarten Jünglingsalter, und seitdem hat er nie aufgehört für Ergrünbung der unsterblichen Wahrheiten des Iudenthums, und zur Herstellung von dessen Lehre in reinstem Glanze seine reichen Gemüths- und Geistesschätze anzuwenden. Von sehr armen, aber wackern Eltern geboren, verdankt er seine Erziehung und seine Belehrung sich allein. Furchtsam von Natur, entwickelte er in Verkündung und Verfechtung der Wahrheit beinahe heldenmütige Unerschrockenheit. Seine ans Aeußerste reichende Uneigennützigkeit würde einem minder begabten, alles Vermögens entblößten Menschen beinahe als Fehler angerechnet werden müssen; bei ihm ist sie, wegen seiner Stellung als Muster für zahlreiche Jünger, eine seltene, aber desto mehr zu ehrende Tugend. Sein Tod läßt am Collegium rabbinicum zu Padua, dessen vielgeliebter Lehrer er seit 1529 war, eine unaussüllbare Lücke. Seine Schüler hingen an ihm mit wahrhaft kindlicher Anhänglichkeit, die sie ihm ohne Unterschied bei jeder Gelegenheit kund gaben. Leider unterbricht dieser plötzliche Hintritt die bereits begonnene Herausgabe mehrerer höchstwichtiger Arbeiten dieses großen Gelehrten, die er in jüngster Zeit unternommen hat. Jedoch ist der hohe Werth und die reiche Fülle seiner seit einem beinahe halben Jahrhundert erscheinenden Schriften mehr als hinreichend, ihm eine ruhmvolle Stelle unter den großen Geistern Israels zu sichern. -Erhalten Sie noch den Corriere Israelitico? Im Octoberhefte ist das wunderschöne hebräische Sonett abgedruckt, welches im „Album poliglolta“ bei Gelegenheit der Dante'schen sechsten Säcular-Feier vom Seligen erschien. Dies Sonett ist eine so getreue und kunstvolle Darstellung des großen italienischen Dichters, daß es dessen Züge besser und treffender wiedergiebt, als das getroffenste Standbild. Ich bin überzeugt, Sie.werden Ihren, des Hebräischen kundigen, zahlreichen Lesern einen großen Genuß verschaffen, wenn Sie erwähntes Sonett auch in Ihrem schätzbaren Blatte abdrucken. Auch als Mensch war Luzzatto groß. Harte und erschütternde Schläge des Geschickes, die ihn leider oft heimsuchten, ertrug er mit gelassener Ergebung, und wußte sich.stets aus großer NiedErgeschlagenheit durch felsenfestes Vertrauen auf die göttliche Vorsehung und durch innere Geisteskraft aufzurichten.*) Jedoch scheinen *) Den schwierigsten Kampf mag er wohl beim Hinsterben seines bereits im sieben und zwanzigsten Jahre seines Lebens in Kenntniß der orientalischen Sprachen und Alterthumskunde hochstehenden Sohnes Philoxenus bestanden haben. 42*

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