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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-10-17 · Heft 42 (17.10.1865) · p. Seite 646

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 42 (17.10.1865)
Date
1865-10-17
Page
Seite 646 (sequence 2)
Language
German
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646 schreibt er (29,, 7), wie er aus dem Innern der Stadt nach dem Thore, bekanntlich dem Raths- und Gerichts- Platze der Städte, geht und hier einen Platz einnimmt, und mit welchen Ehren er hier behandelt wurde. Nach dem Einzuge der Israeliten in Canaan und der Besitznahme des Landes wurde vorzugsweise der Ackerbau in ihm getrieben und zwar nach allen seinen verschiedenen, Zweigen. Es war natürlich, daß hiermit die Viehzucht verbunden war, ja daß in einzelnen Theilen des Landes diese nach der Beschaffenheit des Terrains vorherrschte. So deutet uns der Gesang Deborahs (Nicht. 5, 16) an, daß der Stamm Rüben vorzugsweise der Viehzucht oblag. So sendet auch (1 Sam. 25, 2 f.) Nabal seine Heerden vom Distrikte Carmel südlich in die Wüste zur Weide, und wird als sehr reich an Schaf- und Ziegenheerden angegeben. Aber je mehr die Bevölkerung wuchs, desto sorgfältiger ward dieCultur des Landes, und verdrängte die Viehzucht immer mehr. Wenn daher Jecheskel den Markt von Tyrus beschreibt, so läßt er dahin aus Juda und Israel Weizen, Backwerk, Honig, Oel und Balsam, wohingegen Lämmer, Widder und Böcke aus Arabien bringen (27, 17. 21), ein vollgültiger Beweis, 1)aß das Land Israel später nur Erzeugnisse des Ackerbaues zur Ausfuhr brachte. Das lieblichste Bild nun aus dem Ackerbauleben des Volkes hat uns aber die köstliche Idylle des Buches Ruth erhallen. Schon die in ihr zum Ausdruck kommende Idee ist Eigenthum eines abgeschlossenen Ackerbaulandes, und von naiv patriotischer Tendenz. Eine Familie verläßt ihr Vaterland, um dem in ihm herrschenden Nothstande zu entfliehen, denn es war eine schwere Hungersnoth ausgebrochen. Nicht zu einem vorübergehenden Aufenthalt, verläßt sie ihr Land und ihr Geschlecht, sondern sie wandert aus, läßt sich in fremdem Lande nieder und verschwägert sich mit dessen Bewohnern. Aber gerade hier geräth sie in viel größere Nöthen, und ihre Trümmer müssen sich nach der Heimath flüchten, wo sie durch das heimathliche Geschlecht und die heimathliche Sitte wieder zu Ehren und Fülle erhoben wird. So giebt das Buch die erste Mahnung, am Vaterlande, am väterlichen Boden festzuhalten in Leid und Freud, mit ihm zu tragen den Wechsel von Fülle und Entbehrung, da draußen wohl augenblickliche Vortheile, niemals aber Halt und Stütze gefunden werden können. — Das erste Bild, das uns hier eröffnet wird, ist ein Gemälde des der innigsten, höchsten Aufopferung fähigen Familienlebens, das alle Glieder des Geschlechts umfaßt und durch Tod und Geschick nicht aufgelöst werden kann. Stirbt der Mann kinderlos, so kann die Wittwe zwar nach ihrem elterlichen Hause zurückkehren, höher aber steht die Treue, mit welcher sie in der Familie ihres verstorbenen Mannes verbleibt, besonders wenn es möglich ist, einen anderen Mann desselben Geschlechtes zu ehelichen, aber auch ohne dies. Die in der Familie bewiesene Liebe und Treue wird von Gott belohnt, «berauch von Menschen anerkannt und vergolten. In die Pflichten des verstorbenen Mannes tritt der nächste Verwandte ein, und es gereicht ihm zur Schande, wenn er dies verweigert und einem nachnächsten überläßt. Diese Züge sind im Buche Ruth mit einer außerordentlichen Feinheit und Zartheit durch Wort und That angedeutet, und wir wollen nur hervorheben, wie hier gerade das Verhältniß zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter idealisirt wird; wie Ruth, als sie Geröstetes von den Mägden des Boas zu Mittag erhält, etwas davon für ihre Schwiegermutter zum Abend aufhebt und nach Hause bringt, und wie die ganze Stadt bis zu den Knechten von der Treue spricht, welche Ruth der Mutter ihres verstorbenen Mannes bewiesen, obgleich sie mit ihr die bitterste Armuth zu ertragen, für sie zu arbeiten und keine Aussicht auf Wiederverheirathung hatte. — Die zweite Scene ist das Leben auf dem Felde und zwar zur Erntezeit. Wir sehen hier Herr, Knechte und Mägde. Der Herr tritt zu den Schnittern und spricht: „Der Ewige mit Euch!" und sie antwortenihm: „Der Ewige segne Dich!" Einer der Knechte ist über die anderen gestellt. Gewisse Arbeiten vollbringt der Herr selbst, wie das Worfeln des Getreides. Die Armen hatten nach dem Gesetze bekanntlich das Recht, außer den Ecken der Aecker auch die abgefallenen Aehren und die vergessenen aufzulesen. Sowie eS aber auf den Willen des Einzelnen ankommt, wie groß er die Ecken stehen lassen wolle, so handelt es sich auch darum, mit welcher Genauigkeit die Aehren zusammengesucht würden, welche Strenge der Herr hierbei übte und ob er überhaupt den Armen schon während des Schneidens und Bindens selbst auf das Feld laffen wollte. Letzteres war daher immerhin eine Vergünstigung (2, 2), die'jedoch auch auf's Geradewohl in Anspruch genommen wurde (2, 3). Da ermahnt Boas die Ruth, auf kein anderes Feld zu gehen, und sich zu seinen Mägden zu halten, kein Knecht würde sie antasten, und sie sollte essen und trinken mit den Seinen. Auch gebot er den Knechten, sie auch zwischen den Garben lesen zu laffen und Aehren aus den Bürs-

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