Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1865)
- Date
- 1865-10-03
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ag | Nekrolog. | Berlin, im Septbr. (Privatmitch.) Kaum hat die theologische Facultät hiesiger Universität einen ihrer Collegen zu Grabe geleitet, als auch die medicinische den Verlust eines ihrer genialsten Mitglieder zu beklagen hat-. Prof. Dr. R. Remak ist zu Kissingen einem Karbunkelgeschwür erlegen^ und dessen Leiche auf dem hiesigen jüdischen Gottesacker beigesetzt worden. Remak war der Sohn eines Posener Kaufmanns, Salomon Meier Remak, und im Jahre 1815 zu Posen geboren *.). Nachdem er eine Bürgerschule besucht hatte, bereitete er sich privatim für die Secunda Gymnasii vor. Im Alter von 18 Jahren bestand er das Abiturienten-Examen und bezog die hiesige Friedrichs- Wilhelms-Universität. Eine Preisschrift von ihm fand 1835 öffentliche Anerkennung, und seine Jnaugural- Disfertation lenkte die Aufmerksamkeit des Alexander von Humboldt auf ihn, mit dem er bald in nähere Verbindung trat. Von der medicinischen Facultät zu Wilna als Professor der Physiologie beim russischen Ministerio Uwarow in Vorschlag gebracht, wurde er ebendemselben von Humboldt warm empfohlen. Diese Empfehlung blieb, wie Letzterer dem hochseligen Könige Friedrich Wilhelm IV. unter dem 27.- Februar 1847 wörtlich berichtet**), „erfolglos wegen religiöser, unchristlicher Intoleranz, die der Minister, wie er mir ausdrücklich schrieb, selbst keineswegs theilte." Die Anmuthung, seine Religion zu wechseln, wies R. zurück. Er hatte von jeher — so schreibt er an den König in seinem Immediatgesuche "vom 24. Febr. eiusd a.***) — „den größten Widerwillen gegen den Gedanken, durch Religionswechsel äußere Vortheile zu erlangen.^ Ein Lieblingsschüler des berühmten Physiologen Johannes Müller, befaßte auch er sich hauptsächlich mit der Physiologie. Seine gründlichen und selbständigen Arbeiten auf diesem Gebiete verschafften ihm seitens des Herrn Geheimrath Schönlein die Anstellung eines wissenschaft- */ Sämmtliche Data verdanke ich der gütigen Mittheilung der geehrten Familie des Verewigten', manches Nähere der sorgfältigen Sammlung des vr. M. Kalisch „die Judenfrage in ihrer wahren Bedeutung für Preußen" (Leipzig, Veit u. Comp. 1860. 8.), S. 21—27. Der daselbst mehrfach erwähnte vr. R. ist. eben der^ Verewigte. **) Vgl. Kalisch i; c. S. 24. ***) Ib. p. 23. - kicherst Assistenten in dessen Klinik. Endlich trug eine Kabinetsordre des Königs d. d. 8. März 1847, vermöge besonderer Dispensation, dem Ministerium Eichhorn auf, den vr. Remak „zu einem akademischest Lehramte bei einer inländischen Universität, zu welchem er, abgesehen von den eonfessionellen Bedingungen, sich qualificirt, zu admittlren." In Folge dieser Ordre sah sich denn der Minister Eichhorn genöthigt, unter dem 23. Mai 1847 dem vr. R. zu eröffnen, daß seiner Habilitation als Privatdocent bei der hiesigen medicinischen Facultät ein Hinderniß nicht entgegenstehe. R. war demnach der erste jüdische Gekehrte, dem die Verleihung eines akademischen Lehrstuhles in Preußen gewährt wurde. 1849 entzog er sich seiner Anstellung bei der CharitS, um sich ganz seinen Untersuchungen über Embryologie hingeben zu können. Diese nahmen ihn bis 1855 in Anspruch, und ihre Frücht ist das berühmte Werk „Untersuchungen über die Entwickelung der Wirbelthiere, Berlin, Georg Reimer, 1855." Seit 1856 beschäftigte er sich mit der praktischen Medicin mit Anwendung des constanten galvanischen Stromes bei Nervenkrankheiten, wodurch er überraschende Resultate erzielte, so daß auch seine Gegner, die anfänglich seine Ansichten lebhaft bekämpften, zur Anerkennung seiner Forschungen gedrängt wurden. Nachdem ihn die Facultät sechsmal behufs Ertheilung der Professur vorgeschlagen hatte, wurde er endlich 1859 vom Minister Bethmann-Hollweg zum außerordentlichen Professor ernannt. — Auch auswärtig, namentlich in Frankreich, vertrat er die Wissenschaft, und wie schon in früherer Zeit, 'so hielt er besonders im vorigen Jahre in der Charits zu Paris im Beisein einer eigens ernannten wissenschaftlichen Commission Vorträge in französischer Sprache über die Anwendung des galvanischen Stromes. Dieselben sind vor wenigen Monaten im Verlage von Germer Baillöre daselbst im Drucke erschienen. — R. kränkelte schon feit zwei Jahren, trotz seines blühenden Aussehens, bis ihn endlich der Tod mitten in seinem segensreichen Wirken dahinraffte. Der Allvater tröste seine ehrwürdige Frau Mutter, wie alle seine Hinterbliebenen! Ad. Ehrlichphil. stud. Berlin, 13. September. (Privatmitch.) Es hat einiges Lächeln verursacht, als jüngst in einer statistischen Mittheilung in einem officiellen Blatte über das neu erworbene Herzogthüm Lauenburg zu lesen war,