Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1865)
- Date
- 1865-09-26
- Page
- Seite 602 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nicht genug! Man unterrichtet dort die Zöglinge .in der hebräischen Literatur, in den Ritüalgefttzen u. s. w.; das ist sehr schön und gut Aber man zwingt auch die Zöglinge, den minutiösesten Anordnungen dieser Gesetze sich zu fügen , gleichviel welche Ueberzeugung dieselben sich darüber gebildet haben. Müssen die jungen Leute unter solchen Umständen, besonders wenn'sie der Freiplätze wegen ihre Studien dort machen und dem Verleiher dieser Freiplätze, also dem Rabbiner, der zugleich Director ist, gefallen wollen, müssen sie nicht vollendete Heuchler werden? Und welche Früchte darf man sich von Heuchlern versprechen?" Preußen. Berlin, 2. Sept. Gestern Nachmittag um 3 Uhr bestattete man die irdische Hülle des Professors der Medicin an der hiesigen Friedrich-Wilhelms-Universität, Robert Remak, auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde zur Ruhe. Remak war in Posen im Jahre 1815 geboren, wo er Anfangs einen sehr dürftigen Elementar-Unterricht genoß, dann aber durch privates Studium sich soweit vorbereitete, daß er in die Prima des Gymnasiums ausgenommen werden konnte. Während seiner folgenden- Unterrichtsjahre gehörte er bald zu den Lieblingsschülern des Physiologen Johannes Müller, war auch eine Zeit lang dessen Assistent. Bald darauf habilitirte er sich an der berliner Universität als Privatdocent und trat durch seine Jnaugural-Dissertation, eine mikroskopische Untersuchung der Nerven, in die Fußtapfen seines ' berühmten Lehrers. Durch sein Werk „Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbelthiere, Berlin, 1852—55", begründete er seinen wissenschaftlichen Ruf. Seit 1857 beschäftigte er sich sodann mit der Elektrotherapie, welcher neuen Heilmethode (hauptsächlich für Nervenkrankheiten) er den constanten Strom gegenüber dem invucirten ausschließlich zur Anwendung brachte. Remak ist nur 50 Jahre alt geworden; schon seit 2 Jahren, wie man hört, trotz seines blühenden Aeußern leidend, endete ein KarbunkHgeschwür in Kissingen sein Leben. (Prof. vr. Remak war ein eifriger Förderer der Reformgenossenschaft zu Berlin und ein warmer Freund der jüdischen Studirenden.) M. Friedland, im Sept. (Privatmitth.) In No. 60 des vielgelesenen Blattes „Ueber Land Und Meer^ skizzirt Hr. vr. Georg Ebers aus Dresden das Leben des vor wenigen Wochen daselbst verstorbenen Schriftstellers Wilhelm Wolfsohn. Hr. E. gehörte zu den näheren Freunden des Verstorbenen, ist eben von dessen Grabe heimgekehrt, und noch ganz erfüllt von dem Schmerze der Trennung, setzt er sich hin und schreib das Leben des Freundes für „Ueber Land und Meer." Volle Gerechtigkeit läßt er dem hochbegabt gewesenen Mann als Schriftsteller und Mensch widerfahren, aber er glaubt ihn entschuldigen zu müssen, weil er als Jude gestorben. Zu dem Zwecke erzählt Hr. E., „der fromme Vater des Verblichenen hätte diesen, ehe er zur Universität nach Leipzig ging, einen Eid schwören lassen, niemals zu vergessen, daß er Jude sei und für seine Glaubensbrüder einzustehen mit Thal und Wort, wie und wann er könne." Soweit wäre noch nichts einzuwenden; es ist ja möglich, daß der fromme Vater nach den Anschauungen der frommen Juden jener Zeit und den betrübenden Erfahrungen in dieser Beziehung von der Bildung und den Wissenschaften, oder von der zumeist christlichen Gesellschaft auf der Universität für die Glaubenstreue des Sohnes gefürchtet, und diese durch einen Eid desselben sich habe sichern wollen. Allein Hr. E. begnügt sich mit dieser Thatsache nicht, er glaubt den Freund durch dieselbe noch nicht gereinigt von dem furchtbaren Makel, in der angestammten Religion seiner Väter, als Jude gestorben zu sein, und fühlt sich gedrungen, folgendermaßen fortzufahren: „Wolssohn hat jenen Schwur, trotz tausendfältigen, schweren Versuchungen, deren schwerste sein ihn mächtig zum Christenthum hinziehendes eigenes Herz genannt werden muß, nie vergessen und ist als Jude gestorben." Müßte W. nicht, wenn er diese Vertheidigung läse, ausrufen: Gott behüte mich vor meinen Freunden!? Fühlte Hr. E. nicht, daß diese Vertheidigung einen Stein auf das Grab des Todten werfen heißt? Hr. E. rühmt dem Todten nach seine Toleranz, rühmt an der Leichenrede des vr. Landau ganz besonders ihre Duldsamkeit, warum macht er sich nicht eines ähnlichen Ruhmes würdig? Hr. E. spricht hier mit einem so kategorischen „muß"', als ob W. ihm dies geradezu anvertraut hätte, was, wenn es der Fall gewesen wäre, Hr. E. zur positiveren Vertheidigung des Freundes mitzutheilen, gewiß nicht ermangelt hätte. Aber selbst zugegeben, es wäre dies der Fall, so hätte