Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1865)
- Date
- 1865-09-26
- Page
- Seite 600 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3) Die Mitgliedschaft. Ich trete diesem Punkte mit einigem Zagten näher', denn er ist in gewiffer Beziehung ein noli me tangere, ein Punkt, der gar viele Schwierigkeit hat und über welchen meine Meinung zu sagen, ich Anstand nehmen sollte. Und doch soll sie nicht zurückgehalten sein. Ein Verein, wie der in Rede stehende, bedarf allerdings vieler Mitglieder, vieler geistigen und materiellen Mittel. Es läßt sich die Mitgliedschaft nicht ganz abhängig machen von Ballotement von besonderen Bedingungen. Wer ein Herz hat für die Interessen des Judenthums, der muß willkommen sein, gewiß. Aber — gar keine Controle, gar kein Kriterium der Beitrittsfähigkeit? Gar keine Befugniß, abzuweisen und abzuwehren denjenigen, der durchaus nicht in den Verein paßt? dessen sittliche, religiöse oder sociale Stellung ganz gegen ihn spricht,' sobald er nur einen Thaler zahlt? Man denke nicht, daß das schon von selbst fern bleiben wird, meine Erfahrung wenigstens stimmt nicht damit' überein. Ein Thaler wiegt heut zu Tage nicht schwer, wird leicht hingegeben, bald aus Neugierde, bald selbst in unlauterer Absicht. Handelte es sich nun blos um Geldangelegenheiten, so wäre jeder Thaler willig anzunehmen. Wer aber einen Thaler zahlt, wird eo ipso stimmfähig in allen, auch den wichtigsten Angelegenheiten, kann den Ausschlag geben, kaun ein Hemmschuh der Thätigkeit des Vereins werden und ein Bleigewicht — das will mir nicht ganz einleuchten, und mir scheinen, als müßte der Beitritt doch noch eine andere Basis haben und auf gewichtigeren Modalitäten, jedenfalls auf Anmeldung und irgend einer Prüfung der Anmeldung beruhen. Jedenfalls möchte ich bei der weiteren Constituirung des Vereins diesen Punkt der Erwägung anheim geben.*) Literarischer Wochenbericht. Bonn, im Sept. Angekommen: Der zwölfte Band der schönen Quartausgabe des von Herrn A. Salomou herausgegebenen Talmuds, enthaltend Nedarira. — Disbemerken, daß, wenn wir in unserem Programme die wesentlichen Aufgaben des Vereines aufgezählt und zu organisiren versucht haben, wir nicht meinen, daß der Verein alle diese Gegenstände immerfort zu gleicher Zeit zu bearbeiten und zu verfolgen habe, sondern vielmehr immer nur diejenigen, welche in der Zeit sich als die nothwendigsten und dringendsten erweisen. Von diesem Gesichtspunkte aus vereinfacht sich auch die Thätigkeit des Vereines und aller seiner Organe. Die Redact. *) Das hier geäußerte Bedenken mag seine Richecrurs prononcß ü l’inauguration du temple isra&ite i Avenches, canlon de Vaud, le 4 Avril 1865 par M. Nordmann, rabbin ä Hagenheim. Bäle. In sehr beredter Sprache werden die Unterschiede der Vergangenheit und der Gegenwart in den Geschicken Israels dargestellt, die Glaubenstreue und unerschütterliche Festigkeit unserer Väter gerühmt und der gegenwärtigen Nation zur Nachahmung empfohlen. (Avenches, ein Städtchen sdeutsch Wiflisburgj von ungefähr 1700 Einw., auf der Straße von Bern nach Lausanne, nicht weit von Murten/ ist §der kleine Rest des römischen Aventieum, der Hauptstadt der Helvetier. Gegenwärtig ist hier eine jüdische Gemeinde von ca. 30 Familien. Man sieht auch hieran, daß die Zahl der schweizerischen Orte, in welchen sich jüdische Geinden bilden, im Wachsen begriffen ist.) — Auch von Hrn. Rabbiner Szold von der Oheb-Schalom-Gemeinde zu Baltimore erhalten wir eine >,Predigt bei der Erin'nerungsfeier des verstorbenen Präsidenten Abraham Lincoln, gehalten am zweiten Schabuoth." Die Predigt zeichnet mit glänzenden Farben die Gestalt des zum Heros der Amerikaner gewordenen ermordeten Präsidenten. Doch wollen wir nicht verhehlen, daß die Predigt etwas an Künstelei leidet. Der Redner sieht, aus dem Grabe Lincolns eine „Liebesblume und eine Hoffnungsblume erblühen", wie er geschickt an das fünfte Gebot anlehnt; die erstere ist ihm die Freiheit, die zweite die Unsterblichkeit. — Die jüdische Familie vom pädagogischen Gesichtspunkte aus. Vortrag; gehalten im Verein für Wissenschaft des Judenthums in Breslau von Dr. P. Joseph. Der Vers, zeichnet zuerst in der Kürze die Entwickelungsgeschichte der jüdischen Schule in der neueren Zeit, allerdings nicht nach den äußeren Daten, vielmehr nach dem Charakter der Phasen, die sie durchzumachen gehabt. Andererseits schildert er . die jüdische Familie in ihrer bisherigen Jntensivität und mit ihrer Wirksamkeit auf die Erziehung der Kinder. Der Verf. besitzt Geistes- und Gemüthstiefe genug, um diese Schiltigkeit haben, wenn wir es auch nicht theilen, da in einem großen Vereine der einzelne Böswillige nicht viel wiegt. Der Verein wird wesentlich einen religiösen Inhalt haben, das sagt schon sein Name. Aus einem religiösen Vereine kann von vornherein Niemand ausgegeschlossen werden. Es setzte dies auch eine Prüfung voraus, die wieder einem Glaubenstribunal sehr nahe käme. Wir persönlich haben nicht die entfernteste Vorstellung von solchen hier aufzustellenden Bedingungen. Zuletzt kann hier nur vorkommenden Falles das praktische Bedürfniß entscheiden. Die Redaktion.