Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1865)
- Date
- 1865-09-26
- Page
- Seite 599 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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59Ö nert.*) Die allgemeinen Angelegenheiten des Jud.enthums sind hauptsächlich religiöse, zusammenhängend mit der geistigen Ausfasiung des Judenthums, seiner Religion, seiner Geschichte und Entwickelung, und, es läßt sich nicht leugnen, daß darüber gar verschiedene Ansichten herrschen, selbst wenn die extremen Richtungen nach beiden Seilen hin sern bleiben. Das wäre also schon ein Bedenken. Aber es hat doch kein so großes Gewicht, daß es von der Stiftung des Vereines abschrecken sollte. Nur muß sich Jeder, der beitritt, von Anfang an Prinzip und Zweck klar machen. Der Verein will eine Vertretung des Judenthums werden, seiner geistigen, wie materiellen und socialen Interessen, will überall durch Wort und That sich betheiligen, wo es seiner Existenz, seiner Fortentwicklung oder wo es seiner Ehre und Würde gilt, — wer diesen Zweck will, kann ohne Bedenken beitreten, denn dazu findet sich Spielraum genug, bei aller Verschiedenheit des Denkens und der Ansichten, nur muß der Wille dazu da sein und dieser sein Motiv des Beitritts, ohne Nebengedanken und Nebenabsichten. 2) Der Verein hat seinen Schwerpunkt in der kräftigen Lebensäußerung desselben, in der Thätigkeit, die er entfaltet, und es ist daher eine Lebensfrage für ihn, diese Thätigkeit richtig zu organisiren und sich zu constituiren. Indem ich diesen Satz, in diesen Blättern schon betont, acceptire, berühre.ich zugleich die Schwierigkeiten, die es hat, eine entsprechende Organisation zu finden. Die Generalversammlungen find ein Häuptnerv desselben und und daher nothwendig; ob aber alljährlich? Gegen diese Bestimmung des §. 3. der vorläufigen Statuten habe ich manche Bedenken. Abgesehen von den Reisekosten, namentlich bei weiter Entfernung, so nutzen sich solche jährliche Versammlungen bald ab, verlieren an Frische und Interesse und kommen in Gefahr, wenig *) Der geschätzte College hat vollkommen Recht. Aber giebt es irgend eine Vereinigung unter den Menschen, sei es Staat, Stadt, Gemeinde, Familie, ja nur die Verbindung zwischen Mann und Frau, wo eine solche Verständigung, Unter- und Einordnung nicht nothwendig wäre? Ja, besteht nicht die höhere Freiheit des Menschen gerade darin, einen Theil seiner Individualität freiwillig für die Allgemeinheit hinzugeben? Das Judenthum ist eine Gemeinsamkeit, eine Vereinigung, welcher daher schon von vornherein die Individualität, ohne damit ihre Selbständigkeit aufzugeben, eingeordnet ist. Was daher der geehrte College als eine Schwäche eines solchen Vereines bezeichnet, möchten wir eine 'Stärke nennen, da sie zur Eintracht, zu gemeinsamer Thätigkeit, zu gegenseitigem Verständniß führt.. Die Redaction. oder doch nicht Ausreichend besucht zu werden.*) Bei den Versammlungen selbst wird wegen der weitschichtigen, mannigfachen Thätigkeit des Vereines eine Sectionsbildung erforderlich fein, eS wird eine Section für streng theologische Gegenstände, eine pädagogische u. s. w. bestehen müssen. Das wird aber nur möglich sein, wenn die Versammlungen zahlreich besucht sind und viele Kräfte in sich vereinen. — Besonders sorgfältig wird der Wirkungskreis, die Thätigkeit und Bewegung der Versammlungen zu bestimmen und zu reguliren sein. Zählt der §. 3 eine bunte, an sich wichtige Reihe, fast möchte ich sagen, ein Chaos von Gegenständen auf, welche in den Versammlungen zur Sprache kommen können, sollen, so drängt sich sofort die Frage auf: Wie ist Licht in dieses Chaos zu bringen? Wie ist zu verhüten, daß nicht die jedenfalls kurz gemessene Zeit derselben vergeudet werde mit der Vorfrage der Auswahl, mit langen, phrasenreichen Reden? Wer hat das Programm, die Tagesordnung für jede Versammlung festzustellen und nach, welchen Normen und welcher Bedeutung? Man wird gestehen müssen, daß die umfassende Thätigkeit des Vereines die,Auswahl erschwert, und es ist mir im Augenblick noch nicht klar, wie diese Schwierigkeit zu bewältigen sein bürste, namentlich in der ersten Zeit des Bestehens, wo des Stoffes so viel vorliegt. Möge zeitig die Aufmerksamkeit darauf gelenkt und es möglich gemacht werden, daß die Versammlungen fruchtbar an gutem Erfolge und der Hebel der Thätigkeit in den Local- und Bezirksvereinen werden.**) *) Unser College scheint sich darin zu widersprechen, daß er weiterhin auf die große Masse der Gegenstände aufmerksam macht, welche denGeneralversammlungen vorliegen werde, und doch glaubt, daß die jährliche Abhaltung derselben das Interesse abnutzen werde. Im Gegentheil glauben wir,, daß der seltnere Eintritt von Generalversammlungen das Interesse am Vereine abschwächt. Da jene immer in verschiedenen Gegenden abgehalten werden müssen, so findet sich bei ihnen auch, außer einer immer wieder erscheinenden kleineren Zahl, ein größeres Publikum aus der Umgegend ein. Nicht die Geringzähligkeit, sondern die Verschiedenheit der Theilnehmer an der Generalversammlung wird die Schwierigkeit ausmachen. Uebrigens entscheidet die Praxis über alle dergleichen Fragen am besten. Die Redaction. **) Wie uns der College schreibt, hat er wegen zeitweiliger Entfernung von seinem Wohnort unser Programm noch nicht gelesen; darin findet er einige dieser Fragen schon beantwortet. Die andern müssen selbstverständlich in dem Statute des Vereins beantwortet werden. 3m Uebrigen nehmen wir die Gelegenheit, zu 39*