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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-09-26 · Heft 39 (26.9.1865) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 39 (26.9.1865)
Date
1865-09-26
Page
Seite 598 (sequence 2)
Language
German
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suchen, Und wo er mit seiner Erklärung am Ende ist, da ist . er eigentlich erst bei der Frage angelangt. Bekennen wir es:" um einen edlen, hochherzigen, tugendreichen und gottesfürchtigen Menschen ist es eine erha-» bene Sache, und gerade wegen der Schwäche der menschlichen Natur verdient er unsere Verehrung um so mehr^ Und dennoch ist es auch eine hinfällige Sache um ihn; er kommt nicht aus dem Kampfe mit sich selbst heraus, um das immer wieder wuchernde Böse aus sich auszujäten; wie vieles verdankt er den Umständen, die ihn vor Sturm und bösen Wettern bewahren, und — schaut er rückwärts — wie viele dunkle Flecke gewahrt er dennoch an dem, Anderen so blank und glänzend scheinenden Schilde seines Lebens! — — Alle diese Gedanken und ihre mit unserm ganzen Geistesleben verschlungenen Folgerungen, alle diese Gefühle mit ihren in unser Seelendasein tief einschneidenden Empfindungen bilden den Inhalt der beiden hohen und erhabenen Feste, welche Israel jetzt abermals feiert. Es ist höchst charakteristisch, ja merkwürdig, wie im israelitischen Feflcyklus gerade die beiden die vorwiegendsten und^ heiligst gehaltenen geworden sind, welche einen rein menschlichen, ja allgemein menschlichen Inhalt umschließen, und es hierin über die drei Anderen, in welchen das nationale und geschichtliche Moment vorwaltet, hinausgebracht haben, wenn auch diesen durch ihre Beziehungen zur Natur das allgemeinere Interesse nicht ganz fehlt. Und dies ist nicht etwa eine Folge moderner Entwickelung, sondern so seit uralter Zeit, seit der Zeit des zweiten Tempels. Es ist charakteristisch, weil es in keiner andern Religion hinsichtlich ihrer Feste, und Ceremonien vorkommt, sondern eine jede da, wo sie specifisch in die Erscheinung tritt, ihre specifischen Gedanken am meisten geltend macht, und . das Allgemeine am meisten zurückdrängl, und wird dadurch abermals bewiesen, wie sehr im Schoße des Judenthums das echt Menschliche enthalten liegt. Es ist zugleich merkwürdig, weil es bei einer Religion stattfindet, welche auf dem Grunde der Nationalität und der Geschichte am festesten ankert. Bekanntlich hat die Tradition midraschisch mit diesen Festen den Begriff des göttlichen Gerichtes eng verbunden. 'Es wurde dem kindlichen Sinne des Volkes der Begriff vom göttlichen Gericht in der sinnlichen Vorstellung verdeutlicht, wie Gott gerade an diesen Tagen zu Gerichte sitzt, die Handlungen der Menschen vor sein Tribunals zieht und hiernach die Schicksale der Menschen für die Folgezeit bestimmt. Auch hieraus leuchtet ein, daß man das Fest nicht blos als ein israelitisches dachte, sondern alle Menschen, „alle, die in. die Welt gekommen", die ganze Heerde der Sterblichen vor dem Hirten der Ewigkeit vorüber gehen sah. Nun, die Vorstellung vom „Gerichtstage" mag gewichen sein — der Gedanke des göttlichen Gerichts muß und .wird bleiben, und diese Feste sollen ihn uns in das Bewußtsein lebendig zurückrufen. Sie lehren zugleich, daß dieser Gott ein Gott der Verzeihung und der Versöhnung ist, der in diesem Geiste über uns urtheilt; daß von jeder Sünde die Umkehr möglich, die Reue und Sühnung uns zugänglich ist — und in diesen wenigen Worten hat unsere' Religion die Pfeiler unseres Heiles aufgerichtet, unseres Heiles im dieß- und jenseitigen Leben, unseres Heiles im weltlichen, wie in unserem innerlichsten Leben, im Leben vor Gott! Dies sind die Feste des Herrn, die Israel verkündet worden! Oldenburg, .15. September. Einige Gedanken und Bedenken über den Verein für allgemeine Angelegenheiten des Hudenthums. Von Landrabbiner Wechsler. Folgende Bemerkungen machen keinen weiteren Anspruch, als — sie wollen ein Ausdruck der Theilnahme und ein Beitrag sein, wie zum richtigen Verständniß der,Aufgabe des Vereines, so zur praktischen Lösung dieser Aufgabe. Somit in m6dias res. 1) Ein solcher Verein ist gerade in unserer Zeit ein Bedürfniß, eine Nothwendigkeit — ich unterschreibe diese Behauptung, jedoch nicht ohne Vorbehalt. Das Vereinswesen hat seine Stärke und hat seine Schwäche. Die Vereinigung Vieler zu einem und demselben Zwecke kräftigt, weckt den Einzelnen, rüttelt den Gleichgültigen auf, ist ein Medium zu geistiger Erregung, macht größere Unternehmungen möglich — das ist die starke Seite derselben. Die Schwäche derselben aber liegt, häufig wenigstens, in der Ungleichheit, Verschiedenheit der Mit-' glieder, in der ungleichen Auffassung des Zweckes. Um die Vereinigung zu erhalten, muß man sich oft zu Compromissen verstehen, muß der Einzelne oft seine eigene UeLerzeugung opfern, unterordnen, muß halbe Maßregeln und Beschlüsse goutiren u. dgl. Der projectirte Verein wird wohl dieser Schwäche nicht ganz entgehenkön-

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