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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-09-19 · Heft 38 (19.9.1865) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 38 (19.9.1865)
Date
1865-09-19
Page
Seite 591 (sequence 11)
Language
German
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SSI Correspondenz. Briefe aus Rußland II.*) (Fortsetzung.) Sr. Excellenz Herr Geheimrath A. Postels erklärt sich auch in seinem Berichte gegen den von vielen verlangten . Schulzwang, und dies aus doppeltem Grunde. 1. Weil Repressiv-Maßregeln, als zum Exempel der Schulbesuch als Bedingung bei Einschreibung in die Kaufmannschaft erster und zweiter Gilde, den Handel stören würde) 2. weil ein solches Gesetz für die christlichen Unterthanen des Kaisers nicht bestehe, warum sollten Juden dort, wo es sich um Volksbildung handelt, unter Ausnahmsgesetzen stehen?a) Was aber der staatsmännischen Weisheit und dem edeln Hochsinne des Herrn P. die Krone aufsetzt, ist folgende, «am Schluffe seines Berichtes geäußerte Meinung: Welche Opfer und Anstrengungen auch die hohe Regierung der Hebung der jüdischen Kronschulen bringen möchte, sagt er, ihr Endziel würde doch nie erreicht werden können, so lange die Juden in den engen Schranken ihres gegenwärtigen Aufenthaltsortes zusammengepfercht sein, und die Bedingungen ihres Leben dieselben bleiben werden. — Außerdem, daß die Beschränktheit ihres Wirkungskreises ihnen alle Möglichkeit nimmt, den Kreis ihrer commerziellen und gewerblichen Thätigkeit auszudehnen, und sie in Armuth versenkt, die mit jedem Tage zunimmt, so hindert sie auch noch die Verschmelzung derselben mit den Russen, welcher die Annäherung Leider Völkerschaften unbedingt vorangehen müffe, — und an dieser Annäherung mangelt es eben, da in den westlichen Gouvernements das polnische Element vorherrschend ist, und in vielen Oertern die jüdische Bevölkerung die christliche, besonders die russische weit übertrifft. Alle Bestrebungen der Regierung um die geistige Bildung der Juden, um die Befreiung derselben von ihrem Aberglauben, Vorurtheilen und von ihren nationalen Eigenthümlichkeiten, alle ihre Sorgen um die Besserstellung ihres materiellen Daseins, endlich um die Amalgamirung derselben mit der russischen Bevölkerung könnten in kurzer Zeit, ohne Opfer von Seiten der Regierung und ohne alle Zwangsmaßregeln ersetzt werden, wenn man ihnen einen größeren Spielraum zu ihrer *) Br. I. s. No. 6. 8. Thätigkeit "durch die Ertheilung der Erlaubniß gewährte, sich im ganzen russischen Reiche ansässig machen zu dürfen. Die in das innere Reich Uebersiedelnden und die in ihrem früheren Aufenthaltsorte Zurückbleibenden würden dann ihre materielle Stellung verbessern; die ersteren würden sich bald völlig russisiziren, und die letzteren würden weder die jüdischen noch die christlichen Schulen mehr meiden, da sie immer im Auge haben müßten, daß ihre Kinder durch Verhältnisse gezwungen sein könnten, ihren bisherigen Aufenthaltsort zu verlaffen, und nach dem Inneren des Reiches zu ziehen, wo ihnen die Kenntniß der Landessprache und einige Bildung unentbehrlich sein würden. — Vom Gerechtigkeitsgefühle des hochverehrten Berichterstatters legt folgende, in Betreff der Lehrer gemachte Bemerkung das glänzendste Zeugniß ab: — Zufolge Allerhöchsten Befehls vom 27. November 1863 sind die in den Kronschulen angestellten Lehrer während ihrer Dienstzeit von allen Abgaben und anderen Lasten befreit, dennoch müssen dieselben die für alle Juden so drückende Fleischpacht entrichten, die für einen Familienvater 40 bis 50 Rubel Silber beträgt. — Wenn man bedenkt, daß viele Lehrer in solchen Städten dienen, wo ihnen keine Gelegenheit geboten wird, durch Privatunterricht ihre spärlichen Revenüen zu vermehren, so ist ihre Lage eine sehr schwierige. Bon einem Lehrer wird immer Munterkeit des Geistes gefordert; wie kann man aber eine solche fordern, wo er mit Elend und Noth kämpfen muß? — Ihre materielle Befferstellung .durch Befreiung von der drückenden und' kostspieligen Fleischpacht und durch Erhöhung ihrer Gehalte würde daher sehr wünschenswerth sein und auch nicht wenig auf die Verbesserung der Schulen Einfluß haben.d) Anmerkungen. s. Wir hätten gewünscht, die Mittel zu kennen, die man im Wilnaer Curatorium angewendet, um den Besuch der Volksschulen obligatorisch zu machen. Dort verstand man es, wie es scheint, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Wie Herr P. berichtet, giebt es in Wilna 8 solcher Knabenschulen mit 732 Zöglingen und 4 für Mädchen mit 240 Schülerinnen. Auch in Kowno giebt es 2 Volksschulen mit 250 Schülern, und zwar ist der Besuch dieser Schulen obligatorisch. — Wenn prinzipiell es wünschenswerth ist, daß alle Unterthanen eines mächtigen Staates unter der Aegide gleicher Gesetze Schutz und Schirm sinden mögen, und keine Nationalität unter Ausnahmsgesetzen siehe, so hätten wir doch gewünscht, daß * 38**

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