Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1865)
- Date
- 1865-09-19
- Page
- Seite 588 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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588 derart geschult, daß es von den Männern seines Vertrauens so leicht regiert uyd geführt wird, wie selten eines. Mit Enthusiasmus folgt es dem Rufe seiner Führer, denen es die völlige Leitung und Vertretung seiner Interessen übergiebt, so daß sich in diesen die ganze Machtvollkommenheit der Nation concentrirt. Die Aristokratie, die in Folge der alten, rein aristokratischen Constitution) fast ausschließlich das Terrain beherrschte, hat ein gutes Stück seiner Autokratie allmälig verloren, das die Volkspartei ihr abgerungen. Beide aber haben genugsam eingesehen, daß in der Transaction und Vermittlung der .einzige Weg zu finden sei, der das Land aus, den heillosen Zuständen des Provisoriums zu retten vermag. Alle Nationalitäten und Confessionen Ungarns haben ihre Vertreter und Leiter, nur nicht die Juden und die Deutschen. Diese sind wie eine Heerde ohne Hirten. Und das will hier zu Lande gar viel sagen! Daß es mit den Juden leider noch schlimmer steht, als mit den Deutschen, läßt sich leicht ermessen, da der letzteren politische Bedeutungslosigkeit in ihrer Apathie begründet ist, die das Verlangen, etwas sein zu wollen, nicht aufkommen läßt, während es bei den ersteren das kleinliche Gezanke de<Gemeinden ist, das den Gedanken einer einheitlichen Vertretung der Juden zu einem unmöglichen, ja lächerlichen macht. Augenblicklich sind die Juden in Folge der 1848er Gesetze politisch todt — und in Ermangelung einer anderen Thätigkeit haben sie mit ihren eigenen Händeln genug zu thun und zu kämpfen. Hoffentlich wird der Landtag, von der hohen Wichtigkeit der vollständigen nationalen und confessionellen Gleichberechtigung überzeugt, auch den Juden gerecht werden, und die allen Nationalitäten und Confessionen längst abzutragende Schuld vor allem nachtragen, damit nicht das Versäumniß dieses Rechts-Actes dieselben üblen Folgen nach sich ziehe, wie es 1861 geschehen. Voll Vertrauen können wir der Thätigkeit des Landtages entgegensehen und hoffen, daß, auch ohne Hinzuthun unsererseits, im Geiste der Zeit, dem Rechte sein Recht wird eingeräumt werden. Nur vor der übereilten und unüberlegten Geschäftigkeit sich gern als Tonangeber gerirender Freunde wollen wir uns gewahrt wissen, die wieder mehr verderben als nützen könnten. Werden die Lehren des Jahres 1861 als Vorsichtsmaßregeln den Völkern Ungarns stets vorschweben, so ist das Beste zu hoffen. Schließlich wollen wir noch eines Factums erwähnen, das wir den Tagesblättern entnehmen, daß nämlich aus der Gegend von Eperies 40 jüdische Familien nach America ausgewandert srnd, und noch ändere zu diesem Schritte sich vorbereiten. Ein Beweis, wie traurig die materiellen Verhältnisse des sonst so reichen, seit 3 Jahren aber ungemein herabgekommepen Landes stehen. Prag, 25. Aug. Die „N. fr. Pr." schreibt von hier: Vor einiger Zeit hatte sich Narod mit gewissenhaftestem Fleiße der Aufgabe unterzogen, die dem neuen Ministerium erwachsenden Oppositions-Elemente zu erforschen und zu denunciren, hat jedoch' dabei, wie eine Stimme aus dem südwestlichen Böhmen heute im Narod gefunden, einen sehr mächtigen, oppositionellen Factor — die Juden — nicht berücksichtigt. Die Stimme fühlt sich gedrungen, auch dieses Element in den Kreis ihrer Betrachtungen zu ziehen, und wendet ihre Angriffe namentlich den Juden in Böhmen zu. Als charakteristisch für den ganzen Aussatz, welcher die Gründe aufzufinden sucht, warum die Juden jetzt in Opposition treten werden, verdient hervorgehoben zu werden, daß der Verfasser annimmt, es würde besonders die Tendenz der Regierung, die politische Verfassung auf der stabilsten Grundlage, dem Grundbesitze, zu basiren, die Juden, welche nur aus eine Herrschaft der Börsen hinarbeiteten, zum Kampfe auffordern. — Mit Recht fügt die „N. fr. Pr." kein Wort zur . Bekämpfung dieses Wahnwitzes hinzu. Es ist Nichts leichter, aber auch Nichts thörichter als sich irgend Etwas als eine Thatsache auszudenken, um dann eine Erklärung hinzuzufügen, sobald man darauf ausgeht, Gehässigkeiten auszustreuen. Eine Nachempfindung der letzteren bleibt dann, wenn auch die Voraussetzung der Thatsache sich längst als irrig erwiesen hat. Der „Narod" hätte doch erst die Opposition der Juden gegen das jetzige Ministerium abwarten müssen, bevor er sie bekämpfte. Wir hoffen übrigens, daß auch das jetzt so beliebte Argument von der durch die Juden angestrebten Herrschaft der Börse, von welcher die ungeheuere Mehrzahl der Juden gar nichts weiß und unter der sie, wenn sie wahr würde, nicht minder den . Nachtheil verspüren würde, als alle andern Menschenkinder, sich bald durch den unaufhörlichen Gebrauch abnutzen werde.