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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-09-19 · Heft 38 (19.9.1865) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 38 (19.9.1865)
Date
1865-09-19
Page
Seite 587 (sequence 7)
Language
German
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Prag, im Sept. lPrivatmitth.) Wenn ein Mann, der um eine der bedeutendsten Gemeinden Jahrzehende hindurch sich die größten Verdienste erworben, und' durch seine ganze Persönlichkeit aufs segensreichste gewirkt hat, im hohen Greisenalter zurücktritt, verdient dies wohl eine anerkennende Erwähnung in diesem Blatte. Herr Ernst Wehli, der so lange Zeit die Angelegenheiten der Prager Gemeinde geleitet hat, war in den letzten 13 Jahren Präses der Repräsentanz. Er hatte, von seinem hohen Alter bewogen, ausgesprochen, daß er dieses Amt nunmehr nicht wieder übernehmen wolle. Demungeachtet wählte das Collegium ihn abermals unter wiederholtem Ausspruch des Dankes. Herr Wehli aber blieb seinem Entschlüsse getreu, und hielt eine ergreifende Abschiedsrede, aus welcher wir Folgendes mittheilen: „Als ich vor 13 Jahren die Auszeichnung genoß, von solch einem ehrenwerthen Collegium als Vorsitzender, und dadurch zugleich als Leiter der Gemeindegeschäfte gewählt zu werden, ging ich mit mir selbst zu Rathe, ob ich auch in der Lage bin, ein so wichtiges Amt zu verwalten und zur Zufriedenheit des ehrenwerthen Collegiums und der hochgeachteten Gemeinde durchzuführen. Ich war mir bewußt, ein Herz voll Liebe für Juden und Judenthum, für Vaterland und Negierung, für meine Nation und meine Gemeinde mitzubringen, ich war mir bewußt, einen festen Sinn für Recht und Gerechtigkeit gegen alle ohne Unterschied, ohne Parteilichkeit, ohne nach rechts und links zu schauen, zu besitzen, ich war mir bewußt, die höchste Achtung vor dem Prinzipe der Gewissensfreiheit zu haben, und hierdurch, was jetzd so selten ist, den religiösen Frieden aufrecht zu erhalten. Dies Bewußtsein bewog mich, die so wichtige Stelle anzunehmen. Ich frage mich heute, nach 13 Jahren, wo ich dieses Amt in die Hände des ehrenwerthen Collegiums zurücklege, habe ich nach diesem Bewußtsein auch gehandelt, hat sich die Liebe für Jude und Judenthum, für Vaterland und Regierung, für'Nation und Gemeinde auch bewährt? war ich wirklich gerecht gegen Alle, habe ich den: Reichen nicht geheuchelt, war ich gegen den Armen unparteiisch, hat sich der religiöse Friede in der Gottes-Gemeinde aufrecht erhalten? Ich sage hierauf, wie Samuel, als er vom Volke Abschiede nahm, "i? pn«, Ihr, ehrenwerth? Herren, seid mir des Zeuge! Und dieses Zeugniß ist mein Schutz und Schirm für alle Zukunft." „Aber M. H. Noch ein mir besonders wichtiger Grund hat mich bewogen, die Stelle anzunehmen, und dieser Grund war, von der ganzen Gemeinde einen Tadel und Makel abzuwenden, der sie vor aller Welt brandmarkte. Zwei Dinge, pflegte mein unsterblicher Freund Mannheimer zn sagen, sind es, die die Prager Gemeinde von allen Gemeinden Europa's, ja der Welt auszeichnen. In allen Gemeinden der Welt ist das Vorfteheramt ein unbesoldetes, daher ein Ehrenamt, und der Würdigste und Einsichtigste rechnet es sich zur Ehre an, dazu gewählt zu werden, der Rabbiner aber wird so gestellt, daß er leben kann, und daher unabhängig von irgend einer Partei ist. Prag zeichnet sich dadurch aus, daß sein Vorstand bezahlt wird, das Rabbinat aber gratis dient. — Beides hat Gott sei Lob und Dank aufgehört. — Daher wollen Sie, meine geehrtesten Herren, den Wunsch des Scheidenden beherzigen, bei Ihrer Wahl des Vorsitzenden einen solchen Mann zu wählen, der für jetzt und für die Zukunft nicht neuerdings Prag diesen Makel wieder anhaften läßt." — Auf den Antrag des jetzigen Vorsitzenden wurde eine Commission gewählt, welche bestimmen soll, „was. für ein sichtbares, bleibendes Andenken dem eben so gelehrten wie würdigen und wohlverdienten, nun zurückgetretenen Repräsentanzvorstande zu widmen sei." Aus Südungarn, Anfangs September. lPrivatmitth.) Der plötzliche Umschwung, der vor Kurzem in den politischen Verhältnissen Ungarns eingetreten, hat alle Schichten der so mannigfach und bunt gruppirten Bevölkerung mächtig aufgereizt. Das rege politische Leben der Nation — ein Vorzug, den die Magyaren vor vielen hochcultivirten Völkern und namentlich vor den Deutschen voraus haben —, ist wieder erwacht, und alle Parteien sind von dem gleichen Eifer beseelt, auf dem Kampfplatze der Politik ihre Interessen zu verfechten. Alles sieht mit Spannung der Einberufung des Land-, oder eigentlich des Reichstages entgegen, die einen energischen Wahlkampf Hervorrufen wird. Daß gegenwärtig die aristokratische, sogenannte altconservative Partei an der Spitze der Bewegung und der Regierung steht, ist bekannt; aber dennoch blickt die Nation vertrauungsvoll'auf die Partei veäk- Eötvös hin, die im Volke den größten Einfluß besitzt. Das Verfassungsleben der Ungarn hat auch das Volk

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