Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1865)
- Date
- 1865-09-12
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. die Frage der Glaubenseinheit die politischen Parteien in lebhafter Spannung und gab bereits zu merkwürdigen Vorfällen in der Landeshauptstadt Anlaß, wo die Jesuiten mit allen ihnen 'zu Gebote stehenden Kunststücken die frommen Weiberherzen in Wuth gegen die Toleranz-Partei zu versetzen fluchten und sogar nächtliche Aufläufe der Frauen veranlaßten. Im Congreß hat nämlich die Fortschrittspartei. einen Antrag eingebracht, durch welchen Artikel 5 der Constitution beseitigt werden soll; dieser Artikel lautet: „Die Religion der Republik Chili ist die römisch-katholische, unter Ausschluß der öffentlichen Ausübung irgend einer anderen." Die hervorragendsten und tüchtigsten Männer des Congreffes haben in glänzenden Reden diesen Artikel zerfleischt, besonders einschneidend namentlich in der sechsten Sitzung vom 30. Juni Herr Recabarren, der unter Anderem auch auf die wirthschaftliche Bedeutung der beantragten Reform hinwies und den Vorwurf, daß die Toleranz den Jndifferentismus erzeugemit dem Beispiele der Bereinigten Staaten widerlegt. Recabarren sprach durch vier volle Stunden und wollte eben feine Rede gegen Mitternacht (die Congreß-Sitzungen in Sr. Jago finden Nachts statt, wie im Londoner Parlamente) beenden, als sich ein Haufe von anderthalb Hundert Sennoritas schreiend an der Pforte des Congreßpalastes zusammenrottete unter dem Rufe: „Es lebe unsere heilige Religion, die katholische, apostolische, römische! Tod den elenden Ketzern, , die sich dem Teufel verschreiben, die verdammt sind, diesen Räubern, Verbrechern!" u. s. w. Es mußten, da die Drohungen und das Schreien der aufgeregten Damen einen immer leidenschaftlicheren Charakter annahmen und in einen ganz regelrechten Tumult ausarteten, zuletzt sogar Soldaten aufgeboten werden, um diesem Mitternachtsspuk ein Ende zu machen und die frommen Seelen auseinander und in ihre Betten zu jagen. Die effectvolle Demonstration, die einen richtigen Begriff gibt von den Schwierigkeiten, auf welche die Fortschrittspartei mit ihrem Toleranz-Anträge stößt, hatte wieder der bekannte Jesuiten-Pater Don Juan Ugarte, welcher durch seine berüchtigte Himmels-Correspondenz und den gräulichen Kirchenbrand eine so tragische Berühmtheit erlangt hat, in Scene gesetzt. Don Juan predigte in derselben Nacht, in welcher im Parlamente die Hauptschlacht geschlagen und Recabarren seine große Rede hielt, in der Kirche St. Augustin vor einem theilweise sehr gewählten Damenpublikum über dasselbe Thema, das im Congreß auf der Tagesordnung stand. Seine fromme Ansprache, aüS der wir im hier erscheinenden „Mercurio" einen kurzen Auszug finden, ist das Leidenschaftlichste und Ueberschwenglichste, was man überhaupt in diesem Genre leisten kann. Er ermahnte feine „geliebten Schwestern" zum offenen Widerstande gegen die barbarische Gottlosigkeit der Männer, wies auf die Heldenthaten der Esther und Judith hin und forderte sie zu demonstrirenden Protestrufen auf gegen das, was im Congreß sich abspiele. Gleichzeitig erklärte er sich für einen „Kammer-Deputirten Jesu Christi" und die „Nachtsessionen des Congreffes Jesu Christi" in seiner Kirche für eine Woche in „Permanenz" , um jede Nacht die Unthaten, welche verruchterweise im ketzerischen Congresse geschehen, einer handgreiflichen Kritik zu unterwerfen und dagegen in geeigneter Weise theoretisch und praktisch zu protestiren. Vielleicht sollen die Scenen der Nacht vom 30. sich wiederholen. Wie wenig es übrigens den Jesuiten gelungen ist, auch der Männerwelt dieselben engherzigen, fanatischen Ansichten beizubringen, wie den weiblichen Beichtkindern, zeigt die Haltung der zum Erdrücken vollen Galerien im Congreß-Saal, welche gegen den Artikel 5 und für die Reform demonstrirte. Den ersten Effect der nächtlichen Weiber-Emeute bezeichnen die unmittelbar nach ihrer Zerstreuung geschriebenen Berichte aus St. Jago als einen vom Standpunkte des Don Juan Ugarte aus völlig verfehlten; das anwesende Männerpublicum nahm die frommen Schlachtrufe der Sennoritas mit einem homerischen Gelächter auf; großen Erfolg auf das Zwerchfell der Zuhörer soll namentlich das Muerte Io8 proteslaaaantes! einer zahnlosen Alten mit unnennbarer Fistelstimme gehabt haben. Man wird fragen: Was ist nun hiergegen zu thun? Wodurch vermögen wir dem sich immer wiedergebärenden Judenhaß, der sich immer neue Wege zu seiner Verbreitung, immer neue Nahrungsquellen zu seiner Speisung eröffnet, entgegenzuwirken, ihn mindestens abzuschwächen und zu verringern? Wir gestehen, in directer Weise nur wenig. Etwas, was sich immer wieder unter neuen Larven verbirgt, was aus immer neuen Schlupfwinkeln hervorspringt, was seine Canäle nach den verschiedensten Richtungen hin gräbt, das läßt sich unmittelbar nicht abwehre'n. Man'vertheidigt sich so gut man kann, man wendet sich bald diesem' bald jenem Gegner zu; man versucht es hier mit Sanftmuth, dort mit Grobheit, hier mit Ernst, dort mit Spott. Man erreicht Manches, aber .sicherlich nicht genüge um nicht den