Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1865)
- Date
- 1865-09-12
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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vorstechende Kleidungen zu tragen, seine Wohnungen brillant zu möbliren und wo möglich Orden und Titeln nachzujagen. Die andere Seite dagegen ist ernst und einfach in Sitten und Gebräuchen; treu dem alten Glauben, leidend in der Gesellschaft, bescheiden im Auftreten, sie ist echt human. Lessing hat sie in feinem Nathan in schönster Weise poetisch verklärt. Auf diesem letzteu Gebiete suchte auch Kompert sich die Gestalten für seine Darstellungen." — Wer kalt und vorurtheilsfrei diese Schilderung liest, kann sich eines herzlichen Lächelns nicht erwehren. Also die Judenallein zeigen eine Neigung Geld und Gut zu erwerben — die andern Menschen bei Leibe nicht;- die Wohnungen zu meubliren — die andern Menschen Gott bewahre; Orden und Titel zu erhalten — die andern Menschen verabscheuen so Etwas; sich laut und schreiend in der Oeffentlichkeit zu zeigen — man sehe sich einmal einen öffentlichen Tumult, eine Störung der öffentlichen oder nächtlichen Ruhe, einen Zank und Streit auf her Straße u. dgl. an, lauter Juden, nichts als Juden, während die andern Menschen still und ruhig ihre Straße ziehen; man sehe einen kölnischen Narrenaufzug, nichts als Juden, und die andern Menschen sehen verwundert zu!!! Wir sind die Letzten, welche es in, Schutz nehmen, daß Juden großen Luxus treiben und dadurch auffallen. Sie ruiniren sich selbst damit und ziehen Neid und Gehässigkeit allen, ihren Glaubensgenossen zu. Aber wenn der Kritiker die von ihm angeführten Züge als eine hervorstechende Richtung in „Israel" ausgiebt, so möchten wir ihn fragen, ob er nicht dieselben Züge in der gesammten Bevölkerung Kölns und andrer Städte findet, und von wem die Juden sie erst entlehnt haben. Nein, das bescheidene Buch des liebenswürdigen Kompert soll nur die Gelegenheit geben — den Juden Etwas auszuwifchen. So treibt man Kritik, und dies eine Beispiel dient für hundert andere, die täglich wahrzunehmen sind. — Höchst eigenthümlich, bedauerlich, aber wahr ist es, daß das schöne Geschlecht in seinen Vorurtheilen beständiger und hartnäckiger ist, als die Männer. Wir wollen auf die psychologische Erklärung dieser Thatsache nicht näher eingehen; aber als Thatsache stellt es uns in Be-- zug auf die Juden die Erfahrung hin; ebenso wie den Gegensatz, daß, wenn einmal eine Frau irgend eine gewisse Meinungsrichtung oder ein Vorurtheil aus sich beseitigt hat, sie dies vollständiger, oft über die Wahrheit hinaus, thut. Man kann jenes besonders in den gesellschaftlichen Beziehungen beobachten, denn die gesellschaftliche Trennung zwischen Juden und Christen, selbst auch zwischen Katholiken und Protestanten, wird viel mehr von den Frauen als von den Männern auftecht erhalten, und jene üben darin eine Schonungslosigkeit, welche den letzteren meist unmöglich ist. Allerdings haben die Männer der verschiedenen Stände und Confessionen im öffentlichen, gewerblichen und socialen Leben viel mehr Berührungspunkte unter einander, schleifen sich darin ab, und fassen die Verhältnisse mit weniger kleinlichem Geiste auf. Das Gleiche findet specifisch auf dem confessionellen Gebiete überhaupt statt. Haben sich die Frauen erst dahinein begeben, so entwickeln sie eine Schärfe, Zähigkeit und Feindseligkeit gegen alle Andersgläubige, welche dem sonst so gerühmten weiblichen Herzen wenig Ehre macht, aber sich oft genug erweist. Was die Männer hierin schon aufgeben, das greifen die Frauen nicht selten von. Neuem auf; und was bei jenen sich noch in den Schranken der strengen Confessionalität hält, das wandelt sich unter den Händen der Frauen zu bittern Ausfällen gegen andere Consessionen. Katholische Grafen wollen eine deutsche katholische Universität gründen, und finden die Mittel dazu nicht. Katholische. Gräfinnen greifen den fallen gelassenen Plan auf, erlassen einen geharnischten Aufruf, bezeichnen ihre Männer als „charakterlos" und speien Feuer gegen „Jude und Heide." Man wird zugestehen, daß ein Amazonencorps von 45 Gräfinnen furchtbar in seinem Angriff ist; es wird aber dennoch von einer andern Armee in Valparaiso übertroffen. Der dortige Congreß von Chili will den Paragraphen der Verfassung, nach welchem nur Katholiken im Staate leben dürfen, abschaffen und ihn durch die Freiheit der Culte ersetzen. Die große Mehrzahl der Männerwelt ist damit übereinstimmend; aber die Weiber erheben sich en masse, richten eine Sturmkolonne gegen den Congreß, überfallen ihn, und suchen mit ihrem Geschrei ihn zu übertäuben. Erst die bewaffnete Macht vermochte dem Congreß seine Freiheit wieder zu verschaffen.*) In Chili, der wohlhabendsten und gebildetsten der südamerikanischen Creolen-Republiken, hält gegenwärtig *) Der Vorgang ist zu interessant, als daß wir nicht eine deßfallsige Correspondenz der „N. fr. Pr." hier wiedergeben sollten.