Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1865)
- Date
- 1865-09-12
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226511--23325-3250628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
56t Lüge und Haß vorzuwerfen. Wir halten es für kein geringes Unheil für uns, daß die deutschen Scribenten auf diese Manie, uns für ein unerschöpfliches Metall zu halten, aus welchem sie ihre häßlichen Kobolde fort und fort hämmern'können, verfallen sind, für das fruchtbare Saatkorn, das sie in ihrer Dürre nicht im Stiche läßt, für den Malzextrakt, der ihre dichterische Auszehrung kuriren könne. Für ein Unheil halten wir es; denn da die Romanlectüre für eine Unzahl von Menschen jetzt außer den politischen Zeitungen die einzige ist, so impfen sich die Vorurtheile, die Verachtung und der Haß gegen uns durch diese Literatur immer von Neuem ein, und das Werk, welches so viele Lehrer in der Schule und so viele Geistliche auf der Kanzel begonnen haben, setzt sich durch die Romanschreiber und Novellisten mit allzu reichem Erfolge fort. —-Wir greifen aus der Masse der jährlich erscheinenden Romane einen als Beispiel heraus, wie der Zufall ihn uns in die Hände wirft. Es ist: „Der Hungerpastor, ein Roman in 3 Bänden, von Wilhelm Raabe (Jacob Corvinus). Berlin 1864." Ueber das Werk als Kunstprodukt haben wir hier nicht zu urtheilen. Als Ganzes erscheint es uns schleppend und durch Breite und Wiederholungen oft langweilig; in einzelnen Zügen ganz vortrefflich. Zwei Knaben wachsen mit einander auf, in derselben Stadt, in derselben Straße, besuchen dasselbe Gymnasium, beziehen dieselbe Universität. Der eine ist der Sohn, eines christlichen Schusters, der andere der Sohn eines jüdischen Trödlers. Sie sind unzertrennliche Freunde, bis sie von der Universität aus verschiedene Lebensbahnen einfchlagen. Welch ein Unterschied nun zwischen diesen beiden Menschen! Der Christ wird zum Träger aller Tugenden, aller Pflichttreue, aller Unschuld und Naivetat, des redlichsten Strebens, des gewissenhaftesten Vollbringens, der höchsten Gefühle und Gedanken. Der Jude wird zum Träger des schnödesten Egoismus, der furchtbarsten Niederträchtigkeit, des Berrathes, der Ausschweifung, der Käuflichkeit. Der Christ ist ein Muster des Familienlebens, mit einer unendlichen Liebe umfaßt er alle Seinen, Alle, die ihn näher kennen, er opfert sich für sie, er ist ein treuer Bekenner seines Glaubens, ein wahrer Diener des göttlichen Wortes, ein hingebender Beamter. Der Jude steht herzlos und spöttisch am Sterbebette seines Vaters, der für ihn nur gedarbt und zusammengescharrt, hat, stößt die treue Dienerin aus seinem Hause, wird Skeptiker und dann katholisch, ein treuloser Don Juan, der die Weiber verführt und dann ins Elend stößt, ein Spion und Verräther des Vaterlandes. Diese Gegenüberstellung genügt, um den Verfasser zu charakterisiren, aber auch vor dem Tribunal der Wahrheit und Gerechtigkeit zu brandmarken. Jedermann von Urtheil wird das Machwerk aus den Händen werfen. Aber wie viele Leser haben Urtheil, und die meisten verhalten bei solchen Schilderungen jüdischer Persönlichkeiten sich sehr gläubig. Doch genug davon. Das ist die tägliche Speise,, welche die gegenwärtige schöne Literatur dem deutschen Publikum auftischt. Die Zeiten Klopstocks, Lessings, Herders und Jean Pauls sind eben vorüber; die Epigonen verschmähen wie die Kunst der Meister, auch deren Geist. — Der schönen Literatur reiht sich nun die politische und kritische ebenbürtig an.. Wir blicken hier nicht sowohl auf die offenkundig judenfeindlichen Journale. Der Judenhaß ist deren spezifischer Acker, Jedermann kennt ihn, sucht oder vermeidet ihn. Dergleichen Gefäße sind bei Weitem weniger gefährlich für uns, als sie sich selbst dünken und andern vielleicht erscheinen. Die Giftpflanze vermeidet man; aber die süße Frucht, welche bei sonstiger Nutzbarkeit schädliche Säfte enthält, die nur der Sachverständige als solche erkennt , diese bietet Gefahr da. Und so können wir es uns nicht verbergen, daß es eine Menge Zeitungen und Zeitblätter giebt, die, ohne etwa den Juden die politischen Rechte verkümmern zu wollen, ja, wenn diese gefährdet werden sollen, sie vertheidigen, dennoch aber einen gehässigen Geist ausathmen, der, wo nur die Gelegenheit sich bietet, Gifttropferr auf uns spritzt, und die allgemeine Meinung gegen uns einzunehmen sucht. Es sind die Blätter, die sich schon dadurch kennzeichnen, daß sie, wo irgend etwas Nachtheiliges von einem Juden zu berichten, seine Religion nachdrücklich hervorheben, dagegen wo über einen Juden etwas Lobenswerthes mitzutheilen ist, wenn es irgendwie angeht, seine Religion verschweigen. Auch hier heben wir ein Beispiel hervor. Wir greifen nach der „Kölnischen Zeitung," die trotzdem noch nicht die ärgste in dieser Art ist. Da wird in No. 230 (vom 20. Aug.) eine Kritik über Kompert's „Geschichten einer Gasse" (Berlin 1865) gegeben. Die Kritik beginnt folgendermaßen: „Israel hat in unseren Tagen zwei wesentlich verschiedene Richtungen. Auf der einen Seite bewegt es sich im Handel und Verkehr und ist äußerst auffällig durch seine Neigung, Geld und Gut zu erwerben, sich laut und schreiend in der Oeffentlichkeit zu zeigen, her- 37*