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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-09-12 · Heft 37 (12.9.1865) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 37 (12.9.1865)
Date
1865-09-12
Page
Seite 566 (sequence 2)
Language
German
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M yw% 566 MN- Und diese immer unzulänglicher. Dennoch ist er immer noch da, und überall da. Wie gern möchten wir das Gegentheil sagen. Fürwahr, wer unter den unverschuldeten .Schlägen,- Stößen und Stichen einer verwünschten Gehässigkeit zu leiden hat, wie 'würde er den Augenblick segnen, wo er diese als geschwunden und daher jene als vorübergegangen ansehen könnte! Aber in süßlicher Sentimentalität die Augen zu verschließen, ist niemals rathsam, und wer Etwas bekämpfen und auch nur ein Körnlein zu einer bessern Saat, beitragen will, muß die Augen offen halten, und darum müssen wir sagen: er ist noch immer da. Allerdings hat er sich aus gewissen Sphären entfernt, namentlich aus den politischen und aus den Massenkreisen. Es ist nur noch eine kleine Partei, welche der Gleichberechtigung der Juden entgegenstrebt, und zwar bereits weniger mit Gründen als faktisch. Hiermit ist nicht gesagt, daß alle Liberalen Freunde der Gleichberechtigung der Juden seien, aber die Consequenz ihrer Prinzipien zwingt sie unerbittlich hierzu. Ebenso zeigen sich überall die Massen, wo sie sich frei bewegen, unparteiisch gegen die Juden, und wählen sie zu Aemtern, wo sie sich durch Eifer und Befähigung dazu als geeignet erweisen; es beschränkt sich dies auch nicht blos auf Ehrenämter/sondern, wie wir Beispiele kennen, auch für besoldete Stellen wählt man sie, nur daß solche Wahlen bei Weitem seltener in-den Händen der Bürger selbst liegen. Den besten Beweis, daß die Massen als solche nicht mehr zu wahrem Judenhasse geneigt sinp, lieferten sie den unaufhörlichen Hetzereien gegenüber, welche die Reactionspartei, als sie seit 1850 in vollster Blüthe stand, gegen die Juden losließ, und die nicht einmal zu wörtlichen Beleidigungen der letzteren führten. So kommt es denn auch, daß die früher so üppig wuchernde Literatur der Pamphlete und Bücher gegen die Juden fast ganz verschwunden ist, und wo sie irgend wieder einmal auftritt, schnell zur Makulatur wird. Die Buchhändler halten daher diesen Zweig für abgestorben und geben sich nicht mehr damit ab. Wohin hat sich nun der Judenhaß zunächst geflüchtet? Mit einer gewissen Beschämung, obschon nicht als Jude, müssen wir es sagen: zunächst in die sogenannte schöne Literatur. Es ist erst vor Kurzem wiederholt in diesem Blatte darauf hingewiesen worden, daß jetzt fast kein dramatisches Machwerk — Kunstwerk paßt äußerst selten darauf — über die Bretter geht, ohne daß ein oder mehrere Juden darin figuriren. Noch mehr findet dies in der Romänliteratur statt. Nimm, lieber Leser,- welchen Roman du willst jetzt zur Hand, einen zehn-; drei- oder einbändigen/:eine Hauptrolle spielt darin ein Jude. Und welch ein Jude! Jedenfalls eine Carricatur. Hin und da ein karrikirter, großherziger, edelsinniger Jude, dessen Skelett aus eitel Demuth, die Muskeln aus lauter Aufopferung, die Nerven aus Großmüth und die Sehnen aus Vergebung und Freigebigkeit zusammengepappt sind. Es ist Alles daran so gemacht und übertrieben, daß die Figur höchst widerlich, oder doch dem Leben und der Wirklichkeit so fern ist, als ob der erhabene Dichter seinen Lesern zurufen wollte: sehet, so müßten sie sein, und was sind sie! Zumeist aber werden sie ganz anders gezeichnet: sie sind die einmal nicht zu entbehrenden Teufeh der Geschichte, die Puppen, welche mit den grellsten Farben bemalt -werden, der schwarze Hintergrund, auf welchem die edlen, geist- und gemüthreichen Nichtjuden sich um so lichter abheben. Die meisten dieser Romanschreiber kennen die Juden nicht; sie haben einige Individuen von Weitem gesehen oder gehört; aber die meisten ihrer Leser kennen die Juden auch nicht, und haben daher keinen Maßstab für deren richtige oder falsche Zeichnung; ja, da sie von vornherein geneigt sind, das Uebelste von den Juden am liebsten vorgeführt zu sehen, so bilden sie sich um so wjlliger ein: der kennt sie. Noch schlimmer aber kommen wir bei den Verfassern weg, welche vielleicht einige Gelegenheit gehabt, diesen oder jenen Zug einzelner Individuen unseres Stammes abzulauschen. Sie tragen dann die paar ganz oder theilweise wahren Züge auf ihre erdichteten Gestalten über, und vermischen dadurch das Wahre und Falsche, das Richtige und Uebertriebene in einer Weise, welche ihre Leser über die Wahrhaftigkeit gänzlich täuscht und die irrigen und gehässigen Vor-' stellungen aufs Tiefste einprägt. Man verstehe uns nicht falsch. Dem Dichter darf die Freiheit, sich seine Figuren und Charaktere selbst zu wählen, nicht'verkümmert und nicht verübelt werden. Auch muß er auf seiner Palette die verschiedenartigsten Farben haben, um seine Schilderei in der mannigfaltigsten Weise zu coloriren. Er mag seinen Harlekin oder Samiel, seinen Heros oder Engel hernehmen, wo er will, und Niemand darf es ihm verargen. Aber wenn der ganze Chorus nur immer einen und denselben Prügelknaben herbeiholt, denselben Menschen mit den entstellendsten Farben und mit den häßlichsten Fetzen bekleidet, so steht es diesem zu, zu protestiren und seinen Entstellern Geschmacklosigkeit,

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