Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1865)
- Date
- 1865-09-05
- Page
- Seite 550 (sequence 2)
- Language
- German
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550 mäßigten und der israelitischen Tradition entsprechenden Fortschritt. Man sagt uns nicht einmal (und vielleicht^ weil man sich keine Rechenschaft darüber giebt), woher denn die Nothwendigkeit des Fortschrittes kommt, wenn Alles sich in einer so vollkommenen Eintracht befindet. Wenn die französische Synagoge so blühend ist, wie Sie uns glauben machen wollen, warum denken Sie dann noch daran, Fortschritte darin zu bewerkstelligen? Hingegen in Deutschland, „ist jeder Rabbiner Herr in seinem Reiche. - Er ist unfehlbar wie der Papst. Es giebt fast ebenso viele Riten wie Tempel, ebenso viele Systeme wie Gemeinden. Die Einheit, dieser Grundcharakter des Äudenthums, ist ein leeres Wort ohne Bedeutung rc. rc." Das Wahre in allen diesen Anschuldigungen reducirt sich auf Folgendes. In Frankreich duldet der Staat keinen israelitischen Tempel, welcher nicht von der Autorität anerkannt ist, die er, der Staat, den Synagogen vorgesetzt hat. In Frankreich können Sie keine israelitische Betversammlung bilden, welche nicht von dem Consistorium gebilligt ist. Die Staatsgesetze verbieten es Ihnen; die Civilbehörde würde sofort eine solche Verbindung auflösen. ^.Hingegen in Deutschland ist die Gewiffensfreiheit unbeschränkt. Jede Verbindung von Menschen hat das Recht, einen Tempel zu errichten und darin Gott auf die Weise änzubeten, wie sie ihr am geeignetsten und den Gefühlen der Glieder der Versammlung am entsprechendsten erscheint. , In Deutschland hat die Minorität, welche glaubt, daß in dem überlieferten Cultus Nichts geändert werven darf, dasselbe Recht wie die Majorität der Gemeinde. Auch.sie kann sich einen Tempel errichten, in tkem der Cultus nach ihrer Anschauungsweise vollzogen wird. Die Rabbiner in Deutschland sind nicht mehr Päpste als die Rabbiner in Frankreich. Im Gegentheil; während in Frankreich die Rabbiner durch ihre Ernennung in Wahrheit ihren „Beichtkindern" {„ouailles“) vorgesetzt sind, haben die' Rabbiner in Deutschland nicht einmal die Anmaßung, Beichtkinder zu haben. Sie sind einfache Verkünder der jüdischen Lehre, von ihren Gemeinde ad hoc ernannt, und besitzen an Macht nur das, was die Gemeinde geneigt ist ihnen zu gewähren. Kein Rabbiner in Deutschland wird es wagen, die Zöglinge der Rabbinerschule mit dem Titel „junge Leviten" anzureden; wie dies in der Pariser Hauptsynagoge geschehen ist. Die Rabbiner in Deutschland wissen sehr wohl, daß sie keine Priester, sondern Rabbiner sind, das heißt Doctoren, Lehrer der '.Religion und nichts weiter. Also die, welche sich zum Rabbinat vorbereiten, können nicht als Leviten der Rabbiner im Amte angesehen werden. Sie haben die Einheit in der französischen Synagoge, das will ich wohl zugeben. Aber welches sind die Folgen und die Früchte dieser.gerühmten Einheit? Gestatten Sie mir, Ihnen offen darzulegen, was ich leider fast täglich gezwungen bin, zu beobachten. Ihre Einheit ist die Einheit der Gleichgültigkeit und der Unwissenheit,^weiter nichts. Die Deutschen nehmen noch Interesse an ihrem Cultus. Sie beschäftigen sich damit. Sie wollen, daß der wahre Gedanke des Judenthums dort einen Ausdruck finde, der der Hoheit dieses Gedankens entspräche. In Frankreich, weil Alles den Consistorien anvertraut ist, begnügen sich, diejenigen der „Beichtkinder," für die der überlieferte Cultus nicht mehr der Ausdruck ihres religiösen Gefühles ist, damit, sich der Synagoge zu entwöhnen. Bon ihren Privatgeschäften eingenommen, lassen sie Alles geschehen, und das ist der Grund, weshalb Nichts geschieht. Ich habe in Frankreich einen prachtvollen Tempel gesehen. Alles, was das äußere Dekorum betraf, erlitt keinen Mangel. Aber, was die Erbauung, die Andacht betrifft, so kam es mir vor, als wenn man nicht einmal daran gedacht hätte. Der Verdacht kam mir, daß alles dieses äußere Dekorum nur in der Absicht hergerichtet sei, damit die Nichtisraeliten, welche durch den Zufall in die Synagoge geführt würden, nicht den alten Vorwurf der in den Synagogen herrschenden Unruhe wiederholen könnten; aber für den Israeliten, der sich erbauen, andächtig beten, seine Mission als braver Mensch und Israelit sich vorführen will, war Nichts gethan. Man spricht immer von der Einheit, welche ein Grundcharakter des Judenthums wäre. Ist dies nicht ebenso wie der Ausdruck „junge Leviten" eine Idee und ein Wort, die dem katholischen Cultus entnommen sind? Und verfallen diese Entleihungen nicht dem Gesetze?-Dbn: Nb •ürrmprssi Von welcher Einheit sprechen Sie? Meinen Sie die Einheit Gottes, die Einheit der Mission Israels? die Einheit der Moral? Giebt es einen Rabbiner, der daran gerührt hat? Giebt es auch nur einen einzigen, der sie nicht vertheidigt hätte? Diese Einheit ist unsere Fahne, ebenso wie die Ihre. Sprechen Sie von der Einheit der Ceremonien außerhalb der Synagoge? der Speisege-