Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1865)
- Date
- 1865-08-22
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
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MM / ' r ' Wenn man jetzt in vielen Gemeinden den Stillstand, ja in nicht wenigen geradezu den Rückschritt walten sieht, und man fragt nach der Ursache, so erhält man die Antwort:, die Gemeinde will vor Allem Frieden!. . Fürwahr, der Friede ist ein theures Gut; wir lieben ihn überaus; da eine wesentliche Wirkung der Religion der Frieds sein soll, um wie viel mehr muß er innerhalb einer Religionsgemeinde vorhanden sein und erstrebt werden; welch häßliches Bild stellt uns auch eine Gemeinde dar, in welcher Streit und Hader, Parteiung und Spaltung, Zank, Verläumdung, Verketzerung an der Tagesordnung sind und ihren Gifthauch bis in den Schooß der Familien tragen. Also der Friede muß uns theuer sein um Vieles, aber auch um Alles? Dies ist die Frage. Die. Gegenwart ist der kurze Zwischenraum zwischen Vergangenheit.und Zukunft. Die -Aufgabe der Gegenwart ist daher immer: die überkommenen Güter der Vergangenheit zu pflegen und zu erhalten, und die Vorbereitung für die Zukunft zu treffen. Wer sich lediglich in die Vergangenheit versenkt, und sich hartnäckig in diese einschließt, der löst die Aufgabe der Gegenwart schlecht und verschüttet die.Zukunft mit Staub. Denn, wohl gemerkt, auch die überkommenen Güter der Vergangenheit werden durch das Unterbinden aller Pulsadern der Gegenwart und der Zukunft nicht erhalten und gepflegt, sondern ihrem gänzlichen Absterben zugeführt. Das haben wir im Judenthume während des letzten Jahrhunderts zu unersetzlichem Schaden erfahren. Jeder Gärtner weiß es; wer im Frühjahr seine Bäume und Sträucher nicht beschneidet, die abgestorbenen Reiser und die überschüssigen Zweige und Sprossen nicht entfernt, der wird vergebens auf Blüthen und Früchte harren; nur wildes Wachsthum wird er erfahren an seinen Gewächsen, bis sie davor ersterben. In jeder Gemeinde giebt es Jndifferentisten, welche nur ein geringes. Bedürfniß und ein schwaches Gefühl für die Religion, für religiöses Leben empfinden; in. jeder Gemeinde giebt es Männer, welche die Religion als ein abgeschlossenes, für immer festgeftelltes, irr^ allen seinen Formen unabänderliches Ganzes ansehen, und in der hartnäckigen Erhaltung dieses das Wesen der Frömmigkeit, das Heil der Glaubenshekenner erblicken. Worin besteht nun das, was man gemeinhin den Frieden nennt? Darin, daß man die Jndifferentisten in ihrer Ruhe läßt, daß sie ja nicht aus ihrer religiösen Bedürfnißlosigkeit geweckt werden, und daß man jenen Anbetern der unbe- 818 dingten Formensatzung in Allem nachgiebt, damit sie ja nichtunzufrieden und widerwillig werden. Dieser Frieden ist dann' der Stillstand Und bald auch der Rückgang. Dieser Frieden ist die Stille des Friedhofes, ist die Grabesruhe alles Lebens und Strebens. Hiermit hört jeder Aufschwung, jede Anregung, jede Beeiferung und jede Begeisterung auf. Dieser Friede ist die Vergötterung des Schlendrians, gut für Zeiten, wo Stillstand und Schlendrian den Charakter des Jahrhunderts ausmachen, aber schlimm, schädlich, gefährlich für Zeiten, wo ringsum Bewegung, Lebens angestrengte Thätigkeit, rasches Vorwärtsstreben herrschen. Wer hätte denn nicht auch schon von einem „faulen Frieden" gehört? Ein fauler Friede ist der, welcher statt Vortheile nur Schaden bringt, der statt ungestörter Blüthe und Reife nur Stockung und Unterdrückung alles Lebens bringt, unter dessen Oberfläche entweder sich nur ein um so zerstörenderer und erbitterterer Kampf verbirgt, oder die Fäulniß, welche am Herzen nagt und die Organe zersetzt. Welches ist denn aber der rechte Friedender, in welchem das wahre Leben der Gemeinde, das echte Leben der Religion besteht? Es ist der Friede, welchen die oben angeführten Verse wirklich bezeichnen, wo „ein Jeder" nach herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, mit innigster Ergebenheit in Gott „strebt", ein Jeder gegen die Anderen Sanftmuth und Nachgiebigkeit übt; wo daher alle sogenannten Parteien nach gegenseitiger Verständigung, nach Erwägung und /Berücksichtigung der Bedürfnisse Aller suchen, und auf diese Weise Erhaltung des Lebendigen aus der Vergangenheit und Vorbereitung für das Lebendige der Zukunft erstreben; wo der Einzelne sich auf den Standpunkt der Gesammtheit versetzt, diese zu fördern, diese zu entwickeln und zu stärken als seine Pflicht ansieht, und so die Gemeinde in ruhigem, aber sicherem Vorwärts streben zur lebensvollen Entfaltung kommt. Wir haben daher sehr genaue und sehr deutliche Anzeichen für die richtige Beurtheilung des Friedens wie des Kampfes. Da, wo der Kampf nur die Spaltung, die Zersplitterung und die alleinige Geltendmachung der persönlichen Ansicht zu Inhalt und Zweck hat, ist es ein schlechter Kampf. Da, wo der Friede nichts weiter als den Stillstand und Rückschritt zum Inhalt und Zweck hat, ist es ein schlechter Friede, ein Friede, welcher der Trägheit und der Gleichgültigkeit zum Vorwände und Deckmantel dient. Das Judentum will Bethätigung haben, die Gemeinde will ein-