Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1865)
- Date
- 1865-08-08
- Page
- Seite 487 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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aber Alles mvelliren wollen. Wer die Menschen kennt, weiß, daß die meisten von einer Tendenz ergriffen und durchdrungen sind, ohne daß sie sich deren wirklich bewußt sind. Selbst absichtslos dienen sie einer Richtung, und können daher noch lange nicht der Falschheit .berüchtigt werden, wenn sie sich da einfinden und zu wirken .suchen, wo sie eigentlich ihren Platz gar nicht haben. Innerlich wohnt ihnen öfters noch eine gewiffe Anhänglichkeit an dem Religiösen und Confessionellen ein, während sie es doch schon bekämpfen und ihm den größ- .ten Schaden zufügen. Dies ist es, was sich der Verein klar machen muß. Das Verlangen, keine Parteistellung einzunehmen, alle Richtungen zuzulassen und wo möglich zu versöhnen, ist sehr löblich, bringt aber auch allzuleicht ein Schwanken, ein Nachgeben nach allen Seiten, eine Schwäche und Unentschiedenheit herbei, die jede kräftige Thätigkeit lahm legt und den Todeskeim des besten Unternehmens von vornherein in sich trägt. Was nun jene hyperorthodoxen Leute betrifft, so braucht Niemand zweifelhaft zu sein. Sie werden von selbst gegen den Verein auftreten. Dagegen hat sich dieser gegen den Nihilismus zu schützen, vor denen, welche ihn in Zweck und Mitteln möglichst abschwächen, nach keiner Seite' hin fest auf- ' treten lassen wollen, und mit scheuem Auge auf jede charakteristische Stellung blicken. Denn 3. die Frage müssen wir uns vvrlegen: wollen wir Etwas, oder wollen wir Nichts? Wollen wir Etwas, so muß es unverblümt ausgesprochen, concret gegeben und thatkräftig durchgeführt werden. Wollen wir Nichts, so belästige man die Welt nicht, und gebe die Sache jetzt schon auf. Ein Verein ist kein Ding, das von der Phrase lebt und mit dem bloßen Wort ein dauerhaftes Dasein gewinnt. Gerade ein Verein verlangt That. Ein Verein tritt auf das Wort zusammen, je schlagender und zutreffender das Wort ist, desto mehr Theilnehmer wird er finden. Hier aber hört die Macht des Wortes auf. Folgt keine That,. so fällt er wieder auseinander , und der heute tausend Mitglieder zählt, wird in kurzer Zeit keine hundert mehr besitzen. Wir haben dies oft genug erlebt, und nicht selten war die Versammlung, welche mit großem Eifer das Statut berieth, auch die letzte. Es lag dies immer daran,' daß zwar die Idee an sich eine gute und dem Bedürfnisse entsprechende war, daß man aber diejenigen Mittel und Wege zu finden nicht verstanden, auf welchen dieser Gedanke auch zu kräftiger Verwirklichung kommen könne. Dies ist es, was bei dem projectirten Vereine wohl zu beachten ist. Wir haben uns leicht darin ergeben, daß die erste Versammlung in Frankfurt a. M. sich mit allgemeinen Beschlüssen begnügte, weil dies ganz und gar in ihrer Entstehungsweise lag. Sollte sich die zweite in ähnlicher Weise auf Allgemeinheiten beschränken, sollte ihr entweder die Einsicht, oder der Muth fehlen, in der bestimmtesten, concretesten Fassung das aüszusprechen, was man wollen muß, wenn man Etwas will und eine sichere, gegliederte Organisation zu schaffen, so wird der Verein bei allem Anklange, den er jetzt findet, so Großes er auch verheißt und so Bedeutendes er zu leisten vermag, keine Dauer haben, weil er eben Nichts leisten wird. Auch wir wissen, daß Statuten, so gut und sorgfältig sie ausgearbeitet seien, an sich auch Nichts sind, denn wie gesagt: das Wort muß That werden. Aber es kommt doch.auf sie insofern Alles an, ob sie die Zwecke bestimmt angeben und die angemessensten Organe bereiten. Bei unserm Vereine gilt es vorzugsweise alle vorhandenen tüchtigen Kräfte durch den Verein zu concentriren, sie in der Vereinigung thätig zu machen/ und, was in der Isolirung erschlafft ist und durch die Vereinzelung nur einen geringen Kreis durchdrang,- durch die Verbindung zu bedeutendem Schaffen zu veranlassen. Dies ist der Hauptpunkt, und' wenn diesen zu treffen nicht gelingt, so hat der Verein weder genügenden Zweck, noch eine Zukunst. — Auf diesem Punkte angelangt, wird man uns fragen, auf welche Weise wir uns das Obige ausführbar denken? Wir machen nicht den Anspruch, ein so bedeutsames Problem, wie die Vereinigung oder selbst nur die Annäherung der vereinzelten Kräfte im Judenthume ist, allein lösen und bewältigen Hu können, und was wir hier sagen und vorlegen, soll nur dazu dienen, anderen Erfahrenen und Einsichtsvollen zum weiteren.Erwägen und Erörtern zu dienen. Aber um die obige Frage hier einfach zu beantworten, und auf mehrseits an uns ergangenes Ansuchen, geben wir hier das Programm wieder, das wir in Frankfurt vorgelegt, indem wir nur darauf aufmerksam machen, daß auch dieses Programm nur erst als ein vorläufiges gehalten war, das seiner definitiven Gestaltung in einer zweiten entgegenzuführen sei, und daß wir einige kleine Modificationen schon, jetzt angebracht haben. Es lautet: §. 1. Der Verein hat den Zweck, einen Mittelpunkt zu schaffen, der durch seine freie und sittliche Autorität und seine thatkräftigen Bestrebungen nach allen Richtungen hin fördernd wirkt. 32*