Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1865)
- Date
- 1865-07-25
- Page
- Seite 464 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226473-3226504--23213-3250509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
dieser boshaft-närrische Lexikograph? Wie sehr er sich namentlich für unfern Montefiore interessirt, geht übrigens noch aus einem andern Artikel des Lexikons hervor, aus dem nämlich, welchen er dem Worte „Mo ses" widmet. Er bezeichnet dieses Wort als einen „jedenfalls sehr interessanten Namens welchen, außer drei andern großen Männern (er nennt: den „Stifter der alttestarnentarischen Gesetzgebung", den „Alexandriner Maimonides" Und den „Philosophen Mendelssohn"), auch noch ein vierter trage, nämlich: „Montefiore, dieser durch seine großartigen für die Selbstständigkeit des jüdischen Volkes entworfenen Pläne merkwürdige Mann, gleich groß an Körper, wie an Geist und Gemüth — noch größer jedoch an Reichthum— dieser Nabob in Ramsgate, der auf seinen philanthropischen Reisen von dem in allen Orientalien, Hieroglyphen rc. ausgezeichneten Dr. Louis Löwe begleitet wurde." — Wenn der Reichthum Montefiore's unfern ebenso gelahrten als frommen Lexikographen ärgert, so kann und darf uns dieß durchaus nicht Wunder nehmen, wenn dieser aber in seinem Eifer auch an der „Körpergröße" des edlen Sir Anstoß nimmt, so . ist das etwas zu originell oder — deutsch geßrgt — zu pudelnärrisch. Doch laßt ihm, dem Herrn Rector nämlich, das „kindliche Vergnügen", uns aber noch einmal zu dem Artikel „Juden" zurückkehren, welchen der Verfasser natürlich nicht schließen kann, ohne sich vorher noch über das Wichtigste, nämlich über „Herkunft und Abstammung der Juden" ausgesprochen zu haben. „Indien ist das eigentliche Vaterland der Juden." Das ist's, was der Weise von Arnswalde hier herausbringt. Er weiß auch, warum die Juden „Hebräer" heißen und gibt zu, daß Abraham um 2000 v. Chr. am Jordan gelebt habe. Dennoch aber stammen die Juden ursprünglich aus Indien und haben mit den Indern und Zigeunern dieselbe Nationalität, die sich im Gesichts¬ und Sprachidiom auspräge und durchaus nicht, wie die gewöhnliche Meinung sei, in der Religion liege. Nein, was so ein neumärkischer Rector, Illeoi. pro minist, nicht Alles weiß! O wäre er doch um ein Jahrhundert früher gekommen! Um wie viel klüger und wissensreicher wäre heute die Menschheit nicht gewesen! Doch hören wir noch einen Stoßseufzer. Herr Rector W. macht seinem - gepreßten Herzen endlich Luft durch den Ausruf: „Auf mit Montefiore, fort nach Jerusalem! Welch große Geschäfte dort zu machen an der phönizischen Küste, im Centrum zwischen drei Erdtheilen, am prächtigen handelsreichen * Mittelmeer!" Nicht wahr? wenn Herr v. Senfft-Pilsäch diesen Mann und er sein Buch kannte, er würde beide in Gold fassen lassen! — Ist der Herr Rector fertig? Nein, lieber Leser! Er hat noch Etwas auf dem Herzen. Er schließt mit der Bemerkung , daß die von ihm „den Juden gestreuten Lorbeeren aufrichtig und wohlbegründet," daß aber „der Juden klagende Sehnsucht nach dem heiligen Jerusalem mit ihrer Antipathie nach dort ein vollkommener Widerspruch" wäre. Hier können wir nur sagen : Le style est Thommel Will man dieß mehr noch bestätigt finden, so lese man im Buche irgend einen andern großen Artikel, welchen man nur wolle,, aber ein „großer" muß es sein. Denn die „kleinen" sind zumeist nur „wörtliche Copien" aus andern Fremdwörterbüchern. Was indeß die Judenfeindlichkeit anlangt, so ist sie durch das ganze Buch gestreut. Man findet dieses Unkraut allenthalben, auch da, wo man's am allerwenigsten vermuthet. Es ist natürlich Niemanden zuzumuthen, ein Lexikon,, und sei es auch nur 668 Octavseiten stark, ganz durchzulesen. Man kann höchstens darin blättern. Wir haben dieß gethan3), sind, wie es übrigens nicht anders möglich, durch den einen Artikel oft zum Suchen und Lesen des andern oder gar.einiger andern veranlaßt worden und haben mehr als die genügende Ueberzeugung gewonnen, daß der Verfasser bei all den ungeheuren literarischen und sogar stylistischen Gebrechen, an denen sein (2 Thaler kostendes) Werk leidet, dennoch würdig sei, mit dem „Hamansorden erster Classe" decorirt zu werden. Wir müssen übrigens constatiren, daß wir bisher noch in keinem Fremdwörterbuche eine so große Menge jüdischer resp. hebräischer Ausdrücke erklärt gesehen haben, als eben in dem vorliegenden. Doch stärker noch als die Gehässigkeit tritt an vielen Stellen die Unwissenheit hervor. Und wie kann dieß auch anders sein? Wir verweisen übrigens noch besonders auf die Artikel: Ahasverus, Kabbala, Propheten, Talmud, Tempel u. s. w. In dem Artikel „Synagoge" kann Verfasser nicht umhin, sich darüber zu ereifern, daß ,sin Berlin (Oranienburgerstraße) ein neuer Judentempel erbaut worden, mit einer glänzenden goldenen Kuppel, welche die Domkirche überstrahle.^ Er schließt dieses Lamento mit dem Schmerzausruf: „Unerhört!" ein Epitheton, das wir unsererseits hiermit über sein ganzes, ganzes Buch ausrufen. Louis Weyl. '